Trumps Sicherheitsstrategie als Drohung gegen die Demokratien Europas und der Welt
Man solle Trump ernst nehmen, aber nicht wörtlich – so das frühe Evangelium wohlmeinender Kommentatoren, die meinten, man könne einem Demagogen beikommen, indem man seine Tiraden als Theater interpretiert. Heute, da seine nationale Sicherheitsstrategie nicht nur das Papier rechtfertigt, auf dem sie steht, sondern vor allem das offenbart, worauf sie abzielt, erweist sich dieser Ratschlag als intellektuelle Bankrotterklärung. Wer nicht wörtlich nimmt, was wortwörtlich gegen die Grundlagen liberaler Demokratien gerichtet ist, verwechselt Analyse mit Ausrede.
Die USA haben ein Strategiepapier veröffentlicht, das weniger an Clausewitz erinnert als an Carl Schmitt im Fox-News-Gewand: Die Welt ist wieder in Freund und Feind geteilt, aber diesmal sind die Feinde nicht in Moskau oder Teheran zu suchen, sondern in Berlin, Brüssel und Paris – dort, wo Parlamente tagen, Meinungen streiten und Minderheiten existieren dürfen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.
Trump, einst angetreten als brutaler Buchhalter geopolitischer Geschäftsmodelle, predigt nun den Rückbau der westlichen Ordnung als moralische Hygienemaßnahme. Sein Blick auf Europa, das er selten zu Fuß, aber oft aus der Limousine gesehen hat, changiert zwischen ethnopolitischem Kulturpessimismus und kolonialer Verachtung: zu multikulturell, zu weich, zu liberal, zu eigenständig.
Es geht nicht mehr darum, ob Europa zahlt, sondern wofür. Und in Trumps Vorstellung hat sich der Kontinent durch Dekadenz, Diversität und Demokratie disqualifiziert – ein Zivilisationsbruch, diesmal von rechts. Was folgt, ist keine Strategie im klassischen Sinn, sondern ein ideologischer Maßnahmenkatalog zur Disziplinierung des Westens. Dass er aus Washington kommt, macht ihn nicht minder gefährlich. Im Gegenteil: Er kommt mit der Autorität eines Imperiums, das beschlossen hat, seine liberalen Partner nicht zu verteidigen, sondern zu verbessern – auf Linie, versteht sich.
Das Pamphlet aus der Sicherheitsabteilung
Europa sei „nicht wiederzuerkennen“, heißt es in Trumps Nationaler Sicherheitsstrategie von 2025. Sollte sich der „gegenwärtige Kurs“ fortsetzen, drohe die „Auslöschung der Zivilisation“. Das klingt nicht nach Analyse, sondern nach einem Telegram-Thread mit Staatsbriefkopf. Geschrieben in der Rhetorik einer politischen Endzeitsekte, kommt dieses Dokument daher wie eine ideologische Brandschrift – nicht gegen Terroristen, Autokraten oder autoritäre Kräfte, sondern gegen Europa. Genauer: gegen liberale Demokratien.
Wer es liest, liest nicht, was Trump denkt. Man liest, wovor er Angst hat. Vielfalt, Unabhängigkeit, demokratische Selbstachtung – alles, was Europa im besten Fall ausmacht, wird in diesem Papier zum Problem erklärt. Die USA unter Trump formulieren damit das Gegenteil eines transatlantischen Bekenntnisses: ein missionarisches Programm zur Umerziehung des Westens.
„Die USA werden innerhalb der europäischen Nationen Widerstand gegen Europas gegenwärtigen Kurs fördern.“ Ein Satz, wie mit Handschuhen geschrieben, aber mit bloßen Fäusten gemeint. Wer wissen will, worum es geht, muss nicht spekulieren. Es folgt der Nachsatz: „Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien gibt in der Tat Anlass zu großem Optimismus.“
Will sagen: Wer Marine Le Pen, die AfD oder Meloni wählt, bekommt einen Schulterklopfer aus Washington. Der Rest Europas: eine Ohrfeige. Die Nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten – traditionell ein nüchternes Dokument geopolitischer Prioritäten – ist unter Trump zu einem Manifest geworden. Sie wimmelt vor ideologisch aufgeladenen Begriffen, entlehnt aus dem Arsenal rechter Kulturkämpfer: „Zivilisatorischer Verfall“, „instabile Minderheitsregierungen“, „Souveränitätsverlust“, „Erstickung durch Regulierung“, „Mehrheiten, die keine Europäer mehr sind“. Der Text geißelt Migration, feiert Homogenität, verspricht Wiedergeburt. Was die Republikaner in den USA zum Wahlprogramm machen, wird nun zur außenpolitischen Doktrin erhoben.
Die Vereinigten Staaten, so steht es in dem Dokument, „ermutigen ihre politischen Verbündeten in Europa, diese Wiederbelebung des Geistes zu fördern“. Gemeint ist: Wer sich gegen das liberale Establishment stellt, kann mit amerikanischer Unterstützung rechnen – ganz gleich, ob er Viktor Orbán heißt oder Alice Weidel.
Schon in Trumps erster Amtszeit versuchte sein außenpolitisches Umfeld, Kontakte zur FPÖ in Österreich, zur Lega in Italien und zur AfD in Deutschland zu etablieren. Jetzt ist diese Strategie nicht mehr privat, sondern offiziell. Diplomatie wird zur Parteistrategie. Die USA, einst Schutzmacht der Demokratie, arbeiten am Aufbau eines illiberalen Internationalismus.
Dabei lässt das Papier keine Zweifel daran, wen es meint und was es will. Es spricht von einer „verlorenen europäischen Identität“, von „zentralisierten EU-Institutionen“, die „politische Freiheit untergraben“, und von einer „verheerenden Einwanderungspolitik“. Der Subtext ist alt, die Verpackung neu: Der „Große Austausch“, einst ein rechtsradikales Narrativ, hat es nun in die außenpolitische Architektur einer Weltmacht geschafft.
Autoritarismus als Exportware
Die neue Strategie ist durchzogen von einem alten Reflex: Je weniger Demokratie im Inneren, desto mehr Kooperation von außen. Die Formel lautet: Menschenrechte stören den Handel. Deshalb erklärt das Dokument, man wolle keine „sozialen oder demokratischen Veränderungen aufzwingen, die sich stark von den Traditionen der Länder unterscheiden“. Was in Klartext bedeutet: Wenn Diktatoren stabile Ölpreise garantieren, sind Werte Verhandlungssache.
Saudi-Arabien, so lässt sich der Text lesen, ist willkommen. Die Golfmonarchien werden vom „gescheiterten Experiment“ der Demokratisierung freigesprochen. Und Russland? Wird nicht als Gegner, sondern als Partner im Wartestand behandelt. Ziel sei die „Wiederherstellung strategischer Stabilität mit Russland“ – so das Dokument. Der Kreml nickte zustimmend. „Stimmt weitgehend mit unserer Vision überein“, ließ ein Sprecher verkünden.
Gleichzeitig entwirft Trump eine USA, die sich selbst als Opfer darstellt – nicht trotz, sondern wegen ihrer globalen Macht. Die liberale Weltordnung, einst Ausdruck amerikanischer Stärke, wird zum Sündenbock erklärt: zu teuer, zu schwach, zu undankbar. Und Europa? Ist zwar strategisch relevant, aber ideologisch entgleist.
„Viele europäische Regierungen treten die Grundprinzipien der Demokratie mit Füßen, um die Opposition zu unterdrücken.“ Wer das liest, denkt an Russland. Gemeint ist: Deutschland, Frankreich, Spanien. Im Strategiepapier klingt Europa wie ein autoritärer Flickenteppich. Und weil man Despotien nicht fördern kann, will man „innerhalb der europäischen Nationen Widerstand kultivieren“.
Was hier als Sicherheitsstrategie etikettiert wird, ist ein Aufruf zum Kulturkampf. Ziel ist nicht der Erhalt europäischer Stabilität, sondern ihre ideologische Neuausrichtung. Als Hebel dient nicht militärischer Druck, sondern wirtschaftliche Drohung: Marktöffnung, Rüstungskooperation, Energiepolitik – all das steht unter Vorbehalt politischer Konformität.
Dass Europa nicht allein im Visier steht, zeigt die globale Stoßrichtung des Dokuments. Lateinamerika wird zur strategischen Ressourcenzone erklärt, abgesichert durch eine „Trump-Korrektur der Monroe-Doktrin“. Der Nahe Osten ist nur noch von Interesse, wenn er Märkte bietet. Und China? Zu groß, um angegriffen zu werden. Zu wichtig, um ignoriert zu werden.
Die Welt, wie Trump sie sieht, besteht aus zwei Kategorien: Kooperationsbereiten und Korrigierbaren. Und wer sich nicht einordnet, wird ausgegrenzt. Nicht wegen seiner Ideologie – sondern wegen mangelnder Loyalität.
Diese Sicherheitsstrategie ist keine Einladung zur Partnerschaft, sondern ein Ultimatum in Fußnotenform.
Das Verstörende an dieser Strategie ist nicht nur ihr Inhalt. Es ist ihre Normalisierung. Während sich europäische Regierungen in Distanz üben, reden sie gleichzeitig über gemeinsame Handelsabkommen, Sicherheitszusagen und Rüstungsprojekte. Wer Trumps Strategie ernst nimmt, müsste die Beziehungen überdenken. Stattdessen wird beschwichtigt. In Berlin. In London. In Brüssel.
Dabei lässt sich dieser Wandel nicht mehr schönreden. Die USA unter Trump formulieren eine neue außenpolitische Achse: weg von multilateraler Ordnung, hin zur ideologischen Belohnung autoritärer Regime. Aus dem Bündnis der Demokratien wird ein Club der Patriotismen.
Trumps Strategie ist nicht einfach eine innenpolitische Fortsetzung mit außenpolitischen Mitteln. Sie ist der Versuch, den Westen von innen heraus umzubauen. Wer sich in Europa noch fragt, ob man Trump wieder ernst nehmen müsse, sollte das Dokument zur Sicherheitsstrategie lesen. Am besten laut. Und bis zum Ende.
Denn das, was hier formuliert wird, ist keine außenpolitische Vision. Es ist eine geopolitische Revanchefantasie. Gegen die Werte, die die USA einst groß machten. Und gegen die Welt, die sich nicht mehr nach Washington richtet.
Bleibt nur eine Frage: Wird Europa sich wehren – oder wartet es auf die nächste Direktive?





