Eine linke Kritik an regressiver linker Boykottmoral
So geschehen wieder einmal im Sommer 2025. Die Berliner Pop-Kultur, ein Festival, das einst mit Vielfalt warb, wurde erneut zur Bühne eines Rituals, das sich Antikolonialismus nennt, aber nach Gesinnung riecht. Zahlreiche Künstler sagten ihre Teilnahme ab – nicht etwa aus Protest gegen rechte Hetze oder autoritäre Kulturpolitik, sondern weil eine israelische Einrichtung unter den Förderern gelistet war. Was nach moralischer Konsequenz klingt, ist in Wahrheit Teil einer neuen kulturellen Hygiene: Künstler*innen sagen nicht mehr ab, weil sie zensiert werden, sondern weil sie sich selbst zensieren – oder zensieren lassen. Von einer Bewegung, die vorgibt, für die Freiheit der Palästinenserinnen und Palästinenser zu kämpfen, und dabei die Freiheit der Kunst auf dem Altar der „Reinheit“ opfert.
Wer boykottiert, will nicht hören.
Die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) beansprucht für sich, gewaltfrei und demokratisch gegen Israels Politik zu kämpfen. Was im politischen Raum diskutabel bleibt, verwandelt sich im Kulturbereich in ein inquisitorisches Werkzeug. Fördergelder aus Israel? Absage. Künstler mit israelischem Pass? Absage. Keine eindeutige Solidarität mit BDS? Absage. Wer heute ein Mikrofon will, muss zuerst ein politisches Bekenntnis ablegen – besser noch: das passende Herkunftsetikett gleich mitliefern.
2022 boykottierte eine Reihe internationaler Künstler das Berliner Festival, weil es – so das Statement – „von der israelischen Botschaft finanziert“ werde. Gemeint waren zwei Teilförderungen in Höhe von jeweils 500 Euro – symbolisch, nicht strategisch. Die Reaktion? Programmänderungen, Distanzierungen, diplomatische Ausweichmanöver. Was blieb: ein kulturelles Klima, in dem bereits die Möglichkeit der Koexistenz als Komplizenschaft gilt.
Der antiautoritäre Gestus wird zur Gesinnungsprüfung, die an autoritäre Zeiten erinnert. Aber diesmal kommt der Druck nicht von oben, sondern von links. Und der Zensor nennt sich nicht Staat, sondern Solidarität.
Die Unterscheidung zwischen Regierung und Gesellschaft, zwischen Politik und Kunst, zwischen Individuum und Staat – sie war einmal ein linkes Grundprinzip. Im BDS-Diskurs fällt sie aus. Israel wird zur Chiffre: nicht mehr als Staat kritisiert, sondern als kollektive Projektionsfläche moralischer Empörung. Wer von dort kommt, kann nur Täter sein. Wer dort auftritt, wird zum Kollaborateur erklärt.
Dabei ist BDS nicht nur eine politische Bewegung, sondern eine moralische Architektur – gebaut aus Ausschluss, Angst und Kontrolle. Ihr Ziel ist nicht Diskussion, sondern Disqualifikation. Ein Beispiel unter vielen: die Forderung an arabische Künstler*innen, nicht mit Israelis auf einer Bühne zu stehen – als wäre Normalisierung Verrat. Was wäre ein Feindbild ohne Feinde? Die BDS-Kampagne braucht Israel als unbelehrbaren Unterdrücker und Palästinenser*innen als ewige Opfer. Gemeinsam für Frieden kämpfen? Für die BDS-Kampagne ein Sakrileg. Denn wer die Idee eines gemeinsamen Kampfes wagt, stört die Ordnung: Gut hier, Böse dort. Alles andere passt nicht in das schöne simple Weltbild der ewigen Feindschaft. Die kulturelle Mauer, die BDS errichtet, trennt nicht Freund von Feind, sondern Kunst von Möglichkeit und Dialog.
Nicht wenige Kulturschaffende berichten inzwischen anonym, weil offene Kritik am BDS-Diskurs zur existenziellen Frage geworden ist. Wer fragt, ob Kunst nicht gerade ein Ort der Begegnung sein müsste, wird schnell als „Normalisierer“ markiert – ein Totschlagwort, das nicht klären will, sondern liquidieren.
Es wäre bloß traurig, wenn es nicht auch tragisch wäre: die Linke, einst Fürsprecherin von Internationalismus und Ambivalenz, vergibt heute ihre Auftrittsrechte nach nationaler Zugehörigkeit. „Decolonize the arts“ heißt die Parole, aber gemeint ist: entwestlicht euch, entisraelischt euch, entkomplexisiert euch. Die Kunst wird zur moralischen Zone, in der das Passamt die richtige Haltung entscheidet.
Die Empörung richtet sich gegen Israel, aber sie trifft nicht „das Regime“, sondern Menschen: jüdische Künstlerinnen und Künstler, arabische Israelische Intellektuelle, queere Stimmen, die keine Lust mehr haben, sich entscheiden zu müssen zwischen Freiheit und Flagge. BDS will Solidarität, duldet aber nur Gehorsam. Wer nicht auf Linie ist, fliegt.
Die Trennlinie verläuft nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen jenen, die Ambivalenz aushalten – und jenen, die sie verbieten. Die alte Linke kannte das Elend der Verhältnisse. Die neue kennt nur das Elend der falschen Worte. Ihr kritischer Kompass ist nicht politisch, sondern rituell.
In der Welt des postkolonialen Aktivismus gilt Israel als letzter kolonialer Außenposten des Westens. BDS übersetzt diese Sichtweise in ein binäres Weltbild: Opfer oder Täter, Unterdrücker oder Unterdrückter, rein oder befleckt. Der Mensch verschwindet hinter der Identität, die Kultur hinter dem Bekenntnis. Was bleibt, ist die Wiederkehr des Nationalismus – diesmal im Gewand der Dekolonisierung.
Der kulturelle Antikolonialismus der BDS-Logik handelt nicht von Freiheit, sondern von Zugehörigkeit. Wer dazugehören will, muss sich trennen – von Künstlerinnen und Künstlern, von Meinungen, von Begegnung. Was als Befreiung getarnt wird, ist eine neue Form der Grenzziehung.
Es erinnert fatal an den kulturpolitischen Reflex vergangener Regime: Wer die falschen Kontakte hat, wird nicht diskutiert, sondern gestrichen. Früher nannte man das „feindlich-negative Elemente“. Heute heißt es „nicht dekolonial genug“. Der Sound hat gewechselt – das Prinzip bleibt.
Die Kunst als Kollateralschaden
Die Folgen sind sichtbar, hörbar, fühlbar: Festivals, die Programme umschreiben, Kuratorinnen, die sich distanzieren müssen, Künstlerinnen, die keine Räume mehr finden, weil sie jüdisch sind – oder nicht genug pro-palästinensisch. Die Angst vor Shitstorms ersetzt die Lust auf Reibung. Was übrig bleibt, ist ein Raum der vorauseilenden Selbstzensur.
Kunst, die nicht mehr fragt, sondern urteilt, wird zum Mittel politischer Erziehung. Sie ersetzt Ambivalenz durch Parole, Freiheit durch Loyalität, Provokation durch Pose. Der Begriff „Normalisierung“ wird zum Kampfbegriff, und mit ihm wird jede Zusammenarbeit verdächtig, jede Öffnung zum Verrat erklärt. Wo früher Differenz gefeiert wurde, herrscht heute Disziplin.
Die Documenta Fifteen war nur das prominenteste Beispiel: Antisemitische Bildmotive, historische Relativierungen und ein Kurator*innen-Team, das Kritik mit „Kolonialblick“ gleichsetzte. Wer anmerkte, dass die „Freiheit der Kunst“ nicht die Freiheit zur Hetze einschließt, wurde postkolonial belehrt. Wer Differenz einforderte, galt als kolonial geprägt. So verkehrt sich Aufklärung in Affekt. Was bleibt, ist eine Kulturpolitik der Affekte, nicht der Argumente.
2019 beschloss der Bundestag eine Resolution, die BDS als antisemitisch einstuft – mit Stimmen aus nahezu allen demokratischen Fraktionen. Die Linke rang sich damals zu keiner klaren Haltung durch. Bis heute reagiert man auf den Vorwurf des Antisemitismus mit dem Vorwurf der Unterdrückung. Dabei ist der politische Antisemitismus des 21. Jahrhunderts nicht völkisch, sondern moralisch. Er kommt nicht mit Fackelmarsch, sondern mit Festivalabsage.
Die paradoxeste Pointe: Während ein konservativ dominierter Bundestag den strukturellen Antisemitismus erkennt, streiten Teile der Linken über die Definition von Gewalt. Die einen sagen: Israel bombardiert. Die anderen sagen: BDS boykottiert. Und beide glauben, das sei ein Unterschied in der Sache – nicht im Geist.
Dies ist kein Ruf nach Israels Verteidigung. Und schon gar kein Ruf nach kulturellem Stillstand. Es ist ein Ruf nach Unterscheidung. Zwischen Kritik und Verachtung. Zwischen Verantwortung und Pauschalurteil. Zwischen einer Linken, die denkt – und einer, die glaubt.
Der Kampf für palästinensische Rechte verdient Solidarität. Aber nicht zu dem Preis, dass man andere Stimmen mundtot macht. Wer Menschenrechte verteidigt, darf Kunst nicht verbieten. Wer für Freiheit kämpft, darf Künstler*innen nicht ausladen. Und wer glaubt, die Welt durch Boykott zu verbessern, sollte sich fragen, warum so viele seiner Alliierten am Ende schweigen – wenn es gegen Jüdinnen und Juden geht.
„Linke, die Israel hassen, lieben selten die Freiheit – und noch seltener die Wahrheit.“
Kunst, die nach Herkunft fragt, bevor sie gehört wird, ist keine Kunst. Sie ist ein Aktenvermerk. Und BDS ist sein Sekretär.
Was bleibt, ist die Frage: Wenn die Kultur nur noch Ort der Korrektheit ist – wo bleibt dann der Raum für Wahrheit, Widerspruch und Wagnis?





