Warum der MAGA Antisemitismusstreit der Rechten kein Unfall, sondern Selbstentlarvung ist
Die MAGA-Rechte streitet nicht mehr hinter verschlossenen Türen. Sie tut es auf der Bühne, mit Mikrofon, Kameras und Pyrotechnik. Auf der diesjährigen America Fest-Konferenz von Turning Point USA, einer jener Veranstaltungen, die politische Mobilisierung mit Megakirchenästhetik verbinden, explodierte ein Konflikt, der lange nur als Gerücht kursierte: Wer definiert künftig „America First“ – und wer gehört dann noch dazu?
Ben Shapiro , ein Libertär-konservativer politischer Kommentator, Moderator und Anwalt, schreibt Kolumnen für Creators Syndicate, Newsweek und Ami Magazine und ist emeritierter Herausgeber von The Daily Wire, dass er 2015 mitbegründete. Shapiro moderiert die „Ben Shapiro Show“, einen täglichen politischen Podcast und eine Live-Radiosendung. Von 2012 bis zu seinem Rücktritt 2016 war er leitender Redakteur bei Breitbart News. Nicht verwandt oder verschwägert mit Josh Shapiro, dem aktuellen demokratischer Gouverneur von Pennsylvania eröffnete er den Schlagabtausch, indem er Tucker Carlson und andere Meinungsführer als Betrüger brandmarkte, die ihr Publikum mit Lügen und Verschwörungstheorien fütterten. Das Interview Carlsons mit dem offenen Antisemiten Nick Fuentes sei „ein Akt moralischer Verblendung“. Eine Stunde später stand Carlson selbst auf derselben Bühne, lachte über Shapiro und verspottete dessen Versuch, Grenzen zu ziehen. Antisemitismus, sagte Carlson, sei schlimm – aber weniger verbreitet und weniger zerstörerisch als Vorurteile gegen weiße Männer. Das Publikum jubelte.
Was hier wie ein persönlicher Eklat aussieht, ist in Wahrheit eine Richtungsentscheidung. Der Streit dreht sich nicht um Anstand, sondern um Macht. Genauer: um die Ordnung nach Trump. Der Präsident sitzt im Weißen Haus, doch seine Bewegung bereitet bereits die Zeit danach vor. Und in dieser Übergangsphase wird sichtbar, was lange überdeckt war: Antisemitismus ist kein Fremdkörper der MAGA-Rechten, sondern ein verfügbares Instrument.
Der Mord an Charlie Kirk, dem Gründer von Turning Point USA, wirkt dabei wie ein Katalysator. Kirk wird beschworen als einigende Figur, als Märtyrer einer Bewegung, die sich angeblich gegen „Hass“ richtet. Gleichzeitig dienen sein Tod und die Trauer um ihn als Projektionsfläche für Verschwörungstheorien. Candace Owens fabuliert von israelischen Geheimdiensten, Ben Shapiro sei „nur an Israels Interessen“ interessiert, also müsse Israel involviert sein. Die Witwe Kirks bittet um Zurückhaltung – vergeblich. Der Hass lässt sich nicht mehr disziplinieren.
Dass diese Eskalation jetzt stattfindet, ist kein Zufall. Sie ist das Resultat einer ideologischen Konstruktion, die seit Jahren im MAGA Maschinenraum zusammengebaut wurde. Wer diesen Maschinenraum verstehen will, muss drei Aggregate betrachten, die inzwischen synchron laufen: christlicher Nationalismus, Tech-Oligarchie und ein taktischer Philosemitismus, der Juden nur so lange akzeptiert, wie sie funktional bleiben.
Der christliche Nationalismus liefert die normative Begründung. Amerika sei christlich, also müsse es christlich regiert werden. Nicht als kulturelle Prägung, sondern als politisches Programm. Figuren wie Senator Josh Hawley bekennen sich offen dazu. Douglas Wilson, einer der einflussreichsten Vordenker dieser Strömung, spricht von „Gottesdienst als Kriegsführung“. Seine Theologie ist ruhig, diszipliniert, calvinistisch – und deshalb gefährlich. Sie zielt nicht auf Bekehrung, sondern auf Institutionen. Wilson baut Schulen, Verlage, Netzwerke. Er fordert Eltern auf, Kinder aus staatlichen Schulen zu nehmen, und hat zur Gründung hunderter christlicher Privatschulen beigetragen. Parallelgesellschaft als Langzeitstrategie.
Der Kern dieser Ideologie ist Herrschaft. Nichtchristen hätten Anspruch auf Sicherheit, sagt Wilson sinngemäß, aber nicht auf politische Gleichberechtigung. Der öffentliche Raum solle christlich sein. Demokratie erscheint hier nicht als Verfahren, sondern als Hindernis. Gleichheit wird aus dem Bürgerstatus herausdefiniert.
Genau an diesem Punkt wird der Philosemitismus zur Requisite. Denn christlicher Nationalismus ist strukturell kein „jüdisch-christliches“ Projekt, sondern ein supersessionistisches: Die Kirche als neues Israel. Wilson sagt offen, das Judentum habe seine heilsgeschichtliche Rolle verloren. Israel unterstütze er allenfalls aus geopolitischen Gründen. Erst zum Herrn zurückkehren, dann könne man über Land reden. Das ist keine theologische Spitzfindigkeit, sondern eine klare Rangordnung.
Um diese Spannung zu kaschieren, wird der taktische Philosemitismus in Stellung gebracht. Yoram Hazony, Mitbegründer des Nationalkonservatismus, liefert die Theorie dazu. Nationen, so seine These, sollten sich über Tradition definieren, nicht über abstrakte Rechte. Amerika sei im Kern christlich; Juden sollten das akzeptieren. Akzeptieren heißt hier: mitlaufen, solange man nicht stört. Ein jüdisches Gesicht in der ersten Reihe wirkt wie ein Schutzschild gegen den Antisemitismusvorwurf. Ein Feigenblatt, das Legitimität simuliert.
Doch dieses Feigenblatt beginnt zu reißen. Hazony selbst sagt inzwischen, es sei „nicht mehr so einfach“, Jude in dieser Bewegung zu sein. Er wundert sich über antisemitische Hetze aus den eigenen Reihen. Die jüngere Generation christlich-nationalistischer Podcaster und Pastoren spricht offen von jüdischer Macht, jüdischer Subversion, jüdischer Verderbnis. Klassiker, neu vertont. Antisemitismus wird hier nicht als Fehler betrachtet, sondern als Option, die man je nach Bedarf hoch- oder runterregelt.
Parallel dazu arbeitet die Tech-Oligarchie an der Organisationsform dieser Ordnung. Peter Thiel finanziert Projekte und Kandidaten, weil er nicht mehr an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie glaubt. Der Staat soll wie ein Unternehmen funktionieren, geführt von einem CEO mit maximaler Entscheidungsgewalt. Die Ideologen der „Dunklen Aufklärung“ träumen von der Entlassung ganzer Bürokratien, von Loyalisten statt Beamten. Effizienz ersetzt Legitimation.
J. D. Vance ist der Knotenpunkt dieser Strömungen. Er verbindet Thiel-Geld, Tech-Autoritarismus und eine Ressentiment-Rhetorik, die sich als Stimme des „kleinen Mannes“ tarnt. Carlson sagt es offen: Der Streit dreht sich darum, wer die Macht übernimmt, wenn Trump verschwindet. Antisemitismus ist dabei kein Randthema, sondern ein Selektionsmechanismus. Wer ihn problematisiert, gilt als Störfaktor. Wer ihn relativiert, steigt auf.
Die Trump-Regierung selbst verschärft diese Dynamik. Sie gründet Taskforces gegen „antichristliche Voreingenommenheit“ und gegen Antisemitismus, konzentriert sich dabei aber fast ausschließlich auf Universitäten und linken Aktivismus. Rechts wird kaum adressiert. Antisemitismus wird politisch bewirtschaftet: als Vorwand, um Meinungsfreiheit, Hochschulautonomie und Gewaltenteilung anzugreifen. 37 ehemalige Führungskräfte jüdischer Organisationen warnten im Mai 2025 genau davor: Es gehe nicht um jüdische Sicherheit, sondern um einen Angriff auf die demokratische Gesellschaft.
Was wir beobachten, ist daher kein moralischer Verfall, sondern eine Funktionslogik. Eine Bewegung, die Gleichheit ablehnt, braucht Hierarchien. Eine Bewegung, die Demokratie verachtet, braucht Feinde. Und eine Bewegung, die Religion zur Staatsdoktrin erhebt, entscheidet irgendwann, wer dazugehört – und wer nicht.
Der Antisemitismusstreit der MAGA-Rechten ist deshalb kein Betriebsunfall. Er ist Selbstentlarvung. Wer den Staat als Beute betrachtet und Gott als Betriebsanleitung nutzt, wird Minderheiten immer nur als Staffage behandeln. Heute nennt man es Allianz, morgen nennt man es Problem.
Die offene Frage ist daher weniger moralisch als praktisch: Wenn das Feigenblatt fällt – wer wird dann als Erstes zur „Korrektur“ der Ordnung herangezogen?




