Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

DIE KOLUMNE: Die Glühwürmchen sind noch nicht tot

Steigt mit mir ein, heute, in einen beliebigen Waggon der Metropolitana von Rom, der U-Bahn in Berlin oder irgendeiner anderen Stadt dieses befriedeten und sterbenden Europas. Guardatevi intorno – schaut euch um! Was sich vor euren Augen abspielt, ist keine Gemeinschaft von Menschen, nein, es ist eine Versammlung von Körpern, reduziert auf Abbilder ihrer selbst. Jeder Kopf ist gesenkt, jeder Blick gefangen, magnetisiert, hypnotisiert vom bläulichen Licht eines kleinen, rechteckigen Bildschirms.

Vor fünfzig Jahren wagte Pasolini die zerstörerische Macht des Fernsehens anzuklagen und wurde der reaktionären Blindheit beschuldigt. Und doch war das Fernsehen nur ein grobes, primitives Stammeln der Macht. Das Fernsehen drang von oben ein und erzwang den Blick nach außen. Der Apparat, den wir heute in den Händen halten, tut etwas unendlich Brutaleres: Er zwingt uns, den Blick nach innen zu richten, in ein manipuliertes Spiegelbild unserer selbst.

George Orwell prophezeite in seiner Dystopie 1984 den Telescreen – jenen allgegenwärtigen Bildschirm, den der totalitäre Staat den Bürger:innen aufzwingt, um sie lückenlos zu überwachen. Wie naiv erscheint uns dieser Albtraum heute! Der Spätkapitalismus hat Orwells Vision nicht widerlegt, er hat sie genial vollendet: Er hat den Telescreen in das begehrenswerteste Konsumgut der Modegeschichte verwandelt. Niemand zwingt uns per Gesetz, diesen Bildschirm in unsere Wohnungen zu hängen, nein, wir campen freiwillig vor den Palästen der Tech-Konzerne, um das neueste Modell zu erwerben. Wir tragen die Wanzen der Gedankenpolizei Tag und Nacht in unseren eigenen Taschen, finanzieren sie durch unsere eigene Arbeit und betteln um ihre ständige Aufmerksamkeit.

Das ist kein Totalitarismus mehr, der sich mit Gewalt aufzwingt. Es ist ein Totalitarismus, der Fleisch wurde, Gewohnheit, eine biologische Notwendigkeit.

Nicht nur unsere Gedanken gleichen sich an. Unsere Stimmen klingen inzwischen gleich. Dieselben Redewendungen. Dieselben moralischen Formeln. Dieselben Empörungen. Dieselben Entschuldigungen. Eine ganze Zivilisation spricht inzwischen, als hätte sie denselben Ghostwriter. Früher verriet ein Satz seine Herkunft. Heute verrät er nur noch den Algorithmus, der ihn geglättet hat.

Die Tragödie ist nicht, dass die Macht uns kontrolliert. Die Tragödie ist, dass wir uns danach sehnen, kontrolliert zu werden, weil das System den Zwang als Bequemlichkeit tarnt. Doch jede Macht strebt nach Vollendung. Es genügt ihr nicht mehr, unsere Sprache zu vereinheitlichen oder unsere Körper zu disziplinieren. Sie will auch ordnen, was wir fühlen. Der Konsumismus verkauft uns längst nicht mehr nur Waren, er entscheidet auch, wessen Schmerz uns etwas angeht. Er entscheidet, welcher Schmerz bis in unser Herz vordringen darf und welcher lautlos im Strom der Bilder versinkt. Früher war der Tod eines Fremden ein Skandal, weil man ihm als Körper begegnete. Heute erscheint er zwischen einer Werbung und einem harmlosen Unterhaltungsvideo. Und je häufiger wir das Leiden sehen, desto leichter verlernen wir, den leidenden Menschen zu sehen. Nicht weil wir grausamer geworden sind, sondern weil jede Tragödie denselben Platz in derselben endlosen Vitrine der Bilder erhalten hat. Manche Toten bekommen Namen, Gesichter und Biografien. Andere bleiben bloße Zahlen. Manche Leben gelten als des Betrauerns wert, andere nur als Statistik. Die neue Macht entscheidet nicht mehr nur darüber, was wir denken. Sie entscheidet darüber, um wen wir überhaupt noch trauern können.

In diesem Panorama der linguistischen und menschlichen Trostlosigkeit erscheint das definitive Meisterwerk des Sviluppo senza Progresso – einer Entwicklung ohne wirklichen Fortschritt: Die Künstliche Intelligenz. Die Intellektuellen der gutbürgerlichen Linken diskutieren darüber auf ihren Kulturfestivals, besorgt um Regulierungen, Urheberrechte und bürokratische Details, ohne die metaphysische und anthropologische Tragweite dieser Katastrophe zu begreifen. Was ist sie denn, diese synthetische Intelligenz, anderes als die ultimative, automatisierte Vollendung von Orwells Neusprech? Das Ministerium für Wahrheit im Jahr 2026 streicht keine Wörter mehr mit dem Rotstift aus dem Wörterbuch. Es macht etwas viel Subtileres: Die KI nährt sich von der mittleren Sprache, von den Phrasen, von den Milliarden bereits gesagten und geschriebenen Worten einer gleichförmig gewordenen Masse, um ein Denken auszuspeien, das frei von Skandal ist, beraubt der Sakralität des Irrtums, gereinigt von jeder poetischen Anomalie.

Doch das eigentliche Verbrechen besteht nicht darin, dass diese Maschine schreibt. Auch eine Schreibmaschine schrieb. Das Verbrechen besteht darin, dass sie uns langsam davon überzeugt, auf das mühselige Abenteuer des eigenen Denkens verzichten zu dürfen. Schreiben war niemals bloß die Produktion eines Textes, Schreiben war die Anstrengung, sich selbst hervorzubringen. Jeder Satz war eine kleine anthropologische Geburt. Nun wird selbst diese Geburt ausgelagert.  Der Algorithmus kreiert nicht. Er stabilisiert die Mittellinie. Wenn jede E-Mail, jeder Essay und jedes Gedicht von derselben algorithmischen Logik geglättet wird, stirbt die menschliche Widersprüchlichkeit ganz ohne staatliches Verbot. Sie wird schlicht weichgezeichnet. Die Macht hasst die Schönheit nicht. Sie macht etwas viel Raffinierteres: Sie ersetzt sie durch Effizienz. Schönheit darf heute existieren, solange sie messbar, reproduzierbar und monetarisierbar ist. Deshalb verschwindet sie nicht. Sie wird Design.

Jede große Kultur lebte von etwas, das sie für unantastbar hielt. Nicht weil es nützlich war, sondern weil es heilig war. Die Liebe. Der Tod. Die Kindheit. Die Dichtung. Der Konsumismus kennt nichts Heiliges mehr. Alles muss berechnet, optimiert, reproduziert werden. Die Künstliche Intelligenz ist nicht die Erfindung einer neuen Welt. Sie ist die Vollendung einer Welt, in der nichts mehr heilig sein darf.

Der Kapitalismus hat seine unsichtbare Infrastruktur gefunden. Er braucht kein sichtbares Zentrum mehr, keinen Diktator auf dem Balkon, keinen grausamen Big Brother, dessen Plakate Angst einflößen. Die neue Macht ist gesichtslos. Sie präsentiert sich als neutrale Software, als nützliche Applikation, als virtueller Assistent. Aber hinter dieser technologischen Neutralität verbirgt sich die totale Reduktion des Menschen auf eine reine statistische Funktion. Nicht die Technik hat uns verändert. Etwas musste vorher verschwinden: Die Geduld, die Stille, die Scham, die Langsamkeit, die Fähigkeit, allein zu sein. Keine Maschine hätte uns beherrschen können, wenn wir diese alten Tugenden nicht zuvor freiwillig geopfert hätten.

Hier offenbart sich der wahre, existenzielle Zwang unserer Epoche: Wir glaubten, wir wählten die Technologie aus Freiheit. Inzwischen ist sie zur Infrastruktur unseres Überlebens geworden. Versucht einmal, ohne digitale Identität, ohne Banking-App und ohne algorithmische Plattformen zu existieren!

Und nun erreicht diese anthropologische Mutation ihre vollkommene Form. Die Maschine entscheidet nicht mehr nur darüber, was wir kaufen, wen wir lieben oder worüber wir nachdenken. Sie entscheidet darüber, wer in unserer Vorstellung überhaupt noch als Mensch erscheint. Nicht weil sie uns Befehle erteilt, sondern weil sie unsere Aufmerksamkeit verwaltet. Der Mensch stirbt nicht erst, wenn sein Körper vernichtet wird. Er stirbt bereits in dem Augenblick, in dem niemand mehr seine Abwesenheit bemerkt. Die größte Gewalt unserer Zeit besteht vielleicht darin, dass Millionen Leben ausgelöscht werden können, ohne den inneren Frieden jener zu erschüttern, die alles gesehen haben. Die Maschine beantwortet längst nicht mehr bloß unsere Fragen. Sie nimmt uns das Fragen selbst ab. Früher quälte sich der Mensch mit dem Zweifel. Heute fragt er den Algorithmus, was er denken, fühlen oder schreiben soll. Die Maschine liefert keine Wahrheit. Sie erlöst uns von der Last, nach ihr suchen zu müssen. Genau darin liegt ihre ungeheure politische Kraft. Denn jeder Totalitarismus beginnt in dem Augenblick, in dem der Mensch die Verantwortung für sein eigenes Urteil an eine höhere Instanz übergibt.

Der Faschismus verlangte Gehorsam. Der Konsumismus verlangte Zustimmung. Der Algorithmus verlangt nicht einmal mehr das. Er wartet nur geduldig darauf, dass wir das Denken freiwillig an ihn delegieren.

Und hier vollzieht sich der unverzeihlichste Verrat: Der Verrat der progressiven Intellektuellen – zu denen ich mich selbst zähle. Terrorisiert laufen wir den Gespenstern der Vergangenheit hinterher. Wir schreien „Fascismo!“, wenn ein populistischer Führer ein altes Symbol, ein Banner oder eine Parole aus der Nazi-Zeit schwenkt. Dieser Antifaschismus ist bequem, er ist träge, er ist archäologisch. Wir suchen den Faschismus immer dort, wo er einmal gewesen ist. Deshalb erkennen wir ihn nicht dort, wo er längst gewonnen hat. Wir kämpfen gegen die Gespenster von gestern, damit wir die Macht von heute nicht sehen müssen – jene Macht, in der wir leben, von der wir profitieren und die wir deshalb für Freiheit halten.

Die wahre Diktatur von heute braucht keine camicie nere: Sie kleidet sich casual, spricht den Jargon der Nachhaltigkeit und füllt sich den Mund mit Worten wie Inklusion und Innovation. Hier zeigt sich das psychologische Meisterstück des Systems: Die Etablierung eines permanenten, kollektiven Doppeldenks: Wir wissen ganz genau, dass unsere Smartphones durch die blutige Ausbeutung im globalen Süden entstehen; wir wissen, dass die Algorithmen unsere Aufmerksamkeit stehlen und unsere Kinder depressiv machen; wir wissen, dass Tech-Giganten die Demokratie aushöhlen. Und doch halten wir diese zerstörerischen Wahrheiten gleichzeitig mit unserer täglichen Praxis aus. Wir nutzen die Werkzeuge der Unterdrückung jede Sekunde, um auf genau diesen Plattformen unseren moralisch sauberen Protest zu formulieren. Wir haben gelernt, im Herzen des Totalitarismus zu leben und uns dabei als Rebellen zu fühlen.

Und genau hier wird Orwells Doppeldenk zur Wirklichkeit. Wir glauben noch immer, Propaganda erkenne man an der Lüge. Welch ein Irrtum! Die neue Propaganda besteht nicht darin, uns die Wahrheit zu verbergen. Sie besteht darin, sie uns so vollständig zu zeigen, dass sie aufhört, uns zu verändern. Gerade deshalb fühlen wir uns unschuldig. Denn wir verwechseln das Sehen mit dem Handeln. Noch nie hat eine Zivilisation ihren eigenen moralischen Zusammenbruch in so hoher Auflösung betrachtet – und sich gleichzeitig für die humanste aller Zeiten gehalten.

Während wir uns auf unseren digitalen Plattformen auf der Seite der Gerechten wähnen, weil wir die Bürgerrechte der gebildeten Mittelschicht verteidigen, haben wir die soziale Frage vollkommen vergessen. Wir haben die wahren Letzten im Stich gelassen. Wer sind i ragazzi di vita des Jahres 2026? Es sind die Rider, die unter dem Regen herbeieilen, um uns das Essen nach Hause zu liefern – Sklaven eines Algorithmus, der ihren Wert in Cents berechnet. Es sind die Migranten, gepfercht in den neuen unsichtbaren Peripherien, behandelt als Arbeitsfleisch oder als Slogan für unsere Wahlkämpfe.

Und welch groteske Angst wir vor ihnen haben! Wir, die reichsten und mächtigsten Gesellschaften der Erde, errichten Mauern, schicken Soldaten und sprechen von Bedrohung, weil einige der Ärmsten dieser Welt vor unseren Grenzen stehen. Menschen, die nichts besitzen, erscheinen uns plötzlich mächtiger als ganze Staaten. Nicht sie haben diese Macht. Wir haben sie ihnen gegeben, indem wir sie zu unserer Bedrohung erklärt haben. Vielleicht haben wir gar keine Angst vor ihnen. Vielleicht haben wir Angst vor dem, was ihre bloße Anwesenheit über den Preis unseres Wohlstands erzählt.

Kein Wunder, dass sich viele derer, die wir zurückgelassen haben, den rechten Parteien zuwenden. Nicht weil sie dort Gerechtigkeit finden, sondern weil sie sehen, wie wir unablässig von universellen Menschenrechten sprechen und doch immer neue Ausnahmen erfinden, sobald unsere eigenen Interessen auf dem Spiel stehen. Wir verurteilen den Krieg mit derselben Stimme, mit der wir Waffen liefern. Diese Menschen erkennen unsere Heuchelei, lange bevor wir sie selbst erkennen.

Und wenn eines Tages diese Epoche vergangen sein wird, wenn ihre Massengräber überwachsen und ihre Ruinen zu Museen geworden sind, werden wir alle behaupten, wir hätten es schon immer gewusst. Wir werden Dokumentationen produzieren, Gedenktage organisieren und Schulklassen lehren, wie unfassbar das alles gewesen sei. Wir werden uns gegenseitig versichern, dass wir selbstverständlich auf der richtigen Seite gestanden haben. So funktioniert jede bürgerliche Erinnerungskultur: Sie macht aus dem verspäteten Entsetzen eine nachträgliche Form der Unschuld. Der größte Sieg der Macht besteht nicht darin, dass wir schweigen. Er besteht darin, dass wir uns später erfolgreich einreden, niemals geschwiegen zu haben.

Was also tun? Ich habe kein politisches Rezept, denn die Parteien sind meiner Meinung nach nur noch Marketingagenturen, die dasselbe Produkt unter anderen Namen verkaufen. Ich wünsche mir bloß – für mich selbst -, dass ich den Mut zur radikalen Unbeliebtheit wiederfinde. Ich muss den Mut haben, gehasst zu werden, vor allem von meiner eigenen ideologischen Blase. Ich muss das Doppeldenk durchbrechen. Ich muss die Parrhesia praktizieren – die Wahrheit, die verletzt, den Skandal, der die Fiktion des virtuellen Konsenses bricht.

Schalten wir also diese Bildschirme aus, wenigstens für einen Moment! Kehren wir zurück zu den Körpern! Der Körper ist der einzige Ort, den der Algorithmus nicht vollkommen simulieren kann: Der Körper, der leidet, der genießt, der fühlt, der altert, der irrt.

Jede Macht fürchtet die Liebe. Denn jede wirkliche Liebe widersetzt sich jeder Logik der Verwertbarkeit. Ich meine nicht die sentimentale Liebe der Romane, sondern jene Liebe, die den anderen nicht nach seinem Nutzen fragt. Der Algorithmus kann unsere Vorlieben berechnen. Er wird aber niemals berechnen können, warum wir einen Menschen lieben, wenn er nach allen statistischen Maßstäben eigentlich nicht zu uns passt. Vielleicht beginnt genau dort unsere letzte Freiheit. Auch in Orwells 1984 war die geheime, verbotene Liebeserfahrung im Versteck der einzige Moment echter Freiheit vor Big Brother. Genau dorthin müssen wir zurückkehren. Suchen wir die physische Solidarität, die nahe, unkontrollierte Begegnung mit dem anderen in den Gassen, auf den Plätzen, im Theater – an den Orten der realen Marginalität. Gehen wir dorthin, wo uns kein Algorithmus bestätigt. Sprechen wir mit Menschen, die unsere Sprache nicht sprechen, unsere Welt nicht teilen, unsere Gewissheiten verletzen. Denn Demokratie beginnt nicht mit der Übereinstimmung, sondern mit der Zumutung der wirklichen Begegnung.

Man muss sehr stark sein, um die solitudini – die Einsamkeiten – zu lieben, wenn man die digitale Herde ablehnt. Aber in dieser Einsamkeit hütet man den letzten Funken des Menschlichen. Die lucciole – die Glühwürmchen – sind nicht tot. Sie haben sich nur versteckt, dort, wo das Auge der Maschine nicht hinkommt. Es liegt an uns, den Mut zu haben, sie wieder zu suchen. Denn eines Tages wird jeder behaupten, er habe die Glühwürmchen nie verlöschen sehen. Entscheidend ist aber nicht, wer sich später erinnert. Entscheidend ist, wer sich heute weigert, wegzusehen.

Nicola Bremer
+ posts

Nicola Bremer ist ein deutsch-schweizerisch-italienischer Autor, Regisseur und Dozent. Seine künstlerische Arbeit führte ihn in den vergangenen Jahren in verschiedene Länder Europas. Seit 2025 ist er Teil der Künstlerischen Leitung der Landesbühne Niedersachsen Nord, dem Theater in Wilhelmshaven.

Foto von Gregor-Khuen-Belasi