Über die Rehabilitierung des Kolonialismus im Tarnanzug – und eine Welt, die sich das gefallen lässt
Dass der Kapitalismus Phasen hat, wusste schon Marx. Dass diese Phasen nicht in „gut“ und „böse“ zerfallen, sondern zwischen Expansion und Eskalation changieren, dämmert nun auch jenen, die Globalisierung für Menschenrechtsarbeit hielten und Containerhäfen für kosmopolitische Infrastruktur. Globalisierung war, als Clinton Saxophon spielte, China billig lieferte und das Menschenrecht auf Flachbildfernsehen via Weltbank abgesichert wurde. Jetzt ist wieder Phase II: Wirtschaftskrieg, Zollterror und Frontverläufe in Stahl, Chips und Seltenen Erden.
Die Vereinigten Staaten, diese globale Friedensmacht mit ausgeprägtem Gespür für Rohstoffe, Stützpunkte und symbolische Besitzgesten, könnten es wieder tun – diesmal nicht mit Bibel und Gold, sondern mit Radarstation und Fox-News-Rhetorik. Gemeint ist nicht Bagdad, Kabul oder Caracas, sondern: Nuuk. Grönland. 2,1 Millionen Quadratkilometer Eis, Fels und Frühwarnsensorik, bewohnt von 50.000 Menschen, auf die Donald Trump blickt, als Kulisse für ein geopolitisches Nachspiel imperialer Ambitionen.
Seit 2019 äußert Trump seinen Wunsch, sich die arktische Insel einzuverleiben – zunächst mit Dollars (die Nachricht über sein Kaufinteresse wurde damals vom Wall Street Journal verbreitet und europaweit belächelt, bis er prompt seinen Staatsbesuch in Dänemark absagte, weil Ministerpräsidentin Mette Frederiksen es gewagt hatte, die Souveränität Grönlands nicht zu verhandeln). Doch aus dem Immobilienangebot wurde eine geopolitische Drohung, seit dem 23. Dezember 2024 mit Drohungen. Doch der Ton ist noch schärfer geworden, seit in Venezuela Wahlfälscher & Präsident Maduro entführt wurde ist, mitsamt Ehefrau, unter jeder Missachtung von Völkerrecht und diplomatischem Protokoll. Was als verspotteter geopolitischer Nebenschauplatz begann, hat sich in den letzten Monaten zur Generalprobe eines neuen Imperialismus gemausert. Einer, der nicht mit Landungsbooten, sondern mit Truth Social und X Tweets, The Atlantic interviewes und Fox-News-Auftritten beginnt.
Trump ist dabei nicht die Ursache, sondern die Konsequenz eines Systems, das Expansion zur Norm erhebt – solange sie profitabel ist – und Patriotismus ruft, wenn sie es nicht mehr ist. Der Kapitalismus, einst globalisiert und liberal verbrämt, zieht sich in seine nationalistischen Schalen zurück. Aus „One World“ wird „America First“. Und aus der regelbasierten Ordnung, die jahrzehntelang mit der Lizenz zum Bombardieren operierte, wird ein Wertesystem auf Widerruf – gegen Zölle, für Zonen, mit oder ohne Völkerrecht, je nach Bedarf.
Die Rehabilitierung des Kolonialismus ist also kein Exzess, sondern Betriebsweise. Grönland ist nicht Ziel, sondern Bühne. Und Trump ist nicht Abweichung, sondern Ausdruck der aktuellen Verfassung eines Systems, das Konkurrenz zur Naturordnung erklärt – und in Krisenzeiten den schamlosesten Konkurrenten auf den Thron hebt.
Die Rückkehr des Säbelrasselns
Vizepräsident J.D. Vance sprach es Anfang Januar offen aus: Grönland sei „ein Anker der globalen Sicherheit“, und die Europäer hätten „absolut keinen guten Job gemacht, diesen Anker zu sichern.“ Für den Fall, dass China oder Russland Ambitionen hegen – was ja heute reicht, um beliebige Schritte zu legitimieren – werde die USA handeln. Notfalls auch ohne Absprache. Oder, wie Vance es nannte: „So weit gehen, wie es nötig ist.“
Damit meinte er nicht Verhandlungen und schon gar nicht das internationale Recht. Die historische Ironie: Während die USA ihre Militärpräsenz auf Grönland seit Jahrzehnten reduziert haben – von über 10.000 Soldaten während des Kalten Krieges auf derzeit 600 –, könnten sie sie jederzeit wieder ausbauen. Ohne Krieg, ohne Invasion. Das dürfen sie. Ein Abkommen von 1951 mit Dänemark, zuletzt 2004 modernisiert, gibt ihnen nahezu unbegrenzten Zugang zur Pituffik-Basis. Mehr braucht es nicht.
Doch Trump wäre nicht Trump, wenn er Realpolitik betriebe. „Grönland sei strategisch enorm wichtig, aber derzeit von russischen und chinesischen Schiffen umgeben“, sagte er jüngst im Präsidentenflugzeug. Ein Satz wie eine Fiktion mit nuklearer Fantasie. Militärfachleute widersprechen dem geschlossen. Die Gewässer sind leer, von einigen Fischtrawlern abgesehen. Doch wen interessiert die Realität, wenn die Erzählung vom Notstand so viel schöner ist?
Früher, als Trump noch glaubte, man könne Grönland kaufen wie ein Grundstück in Florida, sprach man in Kopenhagen von einem „bizarren Angebot“. Inzwischen sind die Begriffe andere. Nuklearwaffen, Frühwarnsysteme, feindliche Übernahme. Die Insel sei „die Autobahn von der Arktis nach Nordamerika“, sagte Trumps ehemaliger Sicherheitsberater Robert O’Brien. Was klingt wie ein Infrastrukturprojekt, ist in Wahrheit eine militärstrategische Matrix, in der Grönland als Basislager für Überwachung, Abwehr, Ressourcenzugriff und Symbolpolitik dient.
Dass China in der Region Relaisstationen für seine Satelliten baut, dass Russland die Kola-Halbinsel mit strategischen Atom-U-Booten bestückt, dass sich neue Schifffahrtsrouten durch das schmelzende Eis bahnen – all das ist richtig. Doch all das war schon bekannt, bevor Trump 2019 erstmals vorschlug, Grönland zu kaufen. Was hat sich also geändert?
Antwort: das Narrativ. Damals war es ökonomisch. Heute ist es existenziell. Die Botschaft lautet: Wer Grönland kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Oder wenigstens ein paar Rohstoffe unter dem schmelzenden Eis.
Europas eisige Ahnungslosigkeit
Dänemark investiert inzwischen Milliarden in die Arktisverteidigung – Patrouillenboote, Drohnen, ein neues Hauptquartier in Nuuk. Doch das reicht kaum, um der amerikanischen „Besorgnis“ etwas entgegenzusetzen. Mette Frederiksen, die dänische Premierministerin, gab jüngst zu: Wenn die USA ein NATO-Land angreifen, „ist alles vorbei.“ Man müsse sich nicht fragen, ob die NATO dann noch handlungsfähig sei. Sondern, ob es sie überhaupt noch gäbe.
Während Europa also über den Geist des Artikels 5 des NATO-Vertrages, den Bündnisfall, sinniert, rückt Washington mit diplomatischer Brechstange vor. Ein Sondergesandter für Grönland wurde ernannt, Louisianas Gouverneur Jeff Landry, aus dem ultrakonservativen Lager. Er spricht von einer „langfristigen Integration“ der Insel. Nicht Annexion – man lernt ja aus der Geschichte –, sondern „Partnerschaft“. Es klingt wie ein Handelsabkommen, es riecht wie ein Landkauf, und es ist in Wahrheit ein geopolitischer Übergriff mit rhetorischem Lächeln.
Die Logik ist perfide einfach: Wenn eine Insel zwischen geopolitischen Großmächten liegt, ihre Zukunft ungewiss ist, ihre Rohstoffe begehrt sind – warum nicht vorgreifen? Warum warten, bis China ein Forschungszentrum eröffnet oder Russland eine Fahne in den Ozeanboden rammt?
Ein Militärschlag wäre teuer, unpopulär und juristisch kaum zu rechtfertigen. Also bleibt der „sanfte Zugriff“. Die USA, so berichten Analysten, könnten versuchen, mit handverlesenen Grönländer:innen ein Abkommen zu schließen – an Kopenhagen vorbei. De facto-Regierung durch wirtschaftliche Kooperation. Wie in Palau, Mikronesien oder der Marshall-Inselgruppe. Man bietet Geld, Sicherheit, Investitionen – und erhält dafür Einfluss, Rechte, Zugriff.
Peter Viggo Jakobsen vom dänischen Verteidigungskolleg bringt es nüchtern auf den Punkt: „Grönland zu erobern, ist nicht schwer. Es wäre einfacher als Venezuela.“
Russland hält sich derweil an sein Rollenskript als stiller Profiteur. Kreml-Sprecher Peskow kommentiert Trumps Grönlandpläne mit hämischem Understatement: „Eine Frage bilateraler Beziehungen zwischen den USA und Dänemark.“ Dabei hat Russland längst selbst Anspruch auf den Nordpol erhoben – per geologischer Argumentation, gestützt durch UN-Gutachten.
China wiederum spricht von der Arktis als „globalem Gemeingut“. Die sogenannte „polare Seidenstraße“ ist mehr als ein PR-Gag – es ist Pekings Antwort auf das „Malakka-Dilemma“, jene geopolitische Nadelöhr-Problematik im Südchinesischen Meer, die amerikanisch dominiert ist. Wer in der Arktis mitspielt, braucht keine amerikanischen Kanäle mehr.
Die Arktis ist damit nicht mehr der Raum der Kooperation, als der sie einst galt. „Hoher Norden, niedrige Spannungen“ – diese Formel hat die russische Invasion in der Ukraine pulverisiert. Heute gilt: Wer nicht aufrüstet, verliert. Wer zu spät kommt, den holt der US-Kongress.
Was, wenn die Fahne wirklich gehisst wird?
Ein symbolischer Akt würde reichen. Die US-Flagge vor dem Konsulat in Nuuk. Ein von Grönländern unterzeichneter Vertrag. Eine militärische Eskorte zur Absicherung der „Übergabe“. Keine Bomben, kein Krieg – nur ein Bruch des Völkerrechts, der auf Basis vertraglicher Interpretationen als Sicherheitsmaßnahme verkauft wird.
Die Reaktion in Brüssel: ein Sondergipfel. In Kopenhagen: Empörung. In Moskau: Spott. In Peking: Analyse. Und in Trump-Land? Wahlkampfsiege.
Man muss es klar sagen: Grönland ist heute ein Testfall für die Durchsetzbarkeit von internationalem Recht, für die Belastbarkeit von NATO-Mechanismen und für die Frage, wie weit eine westliche Demokratie gehen kann, wenn sie sich bedroht fühlt – unabhängig davon, ob sie es ist.
Donald Trump nutzt das Thema Grönland wie alles andere: zur Eskalation. Nicht, weil er ein strategisches Ziel verfolgt, sondern weil Eskalation sein Zustand ist. Was wie Sicherheitsdenken klingt, ist ein kalkuliertes Machtspiel: Aufmerksamkeit erzeugen, Druck aufbauen, Optionen offenhalten.
Die Ironie: Selbst im US-Kongress will kaum jemand Grönland wirklich annektieren. Nur 7 % der Amerikaner wären laut Umfragen dafür. Ein Viertel könnte sich einen Kauf vorstellen. Doch Trumps Amerika funktioniert nicht nach Mehrheiten, sondern nach Märkten. Grönland ist ein Asset – mit Frühwarnsystem, Fischgründen und geopolitischer Projektionsfläche.
Am Ende geht es nicht um Grönland. Es geht um die Frage, ob ein NATO-Staat sich anmaßen darf, einen anderen zu übergehen. Ob die Allianz noch funktioniert, wenn das mächtigste Mitglied die Spielregeln bricht und ob Europa den Mut aufbringt, seine Interessen ohne amerikanischen Vormund zu vertreten.
Grönland ist dabei nicht Opfer, sondern Bühne. Was dort verhandelt wird, entscheidet über die Zukunft globaler Ordnung – nicht nur im Eis, sondern überall, wo Macht sich über Recht stellt.
Was also will Trump wirklich? Vielleicht nur, dass wir ihm zuhören. Vielleicht aber auch, dass wir ihn nicht aufhalten. Noch haben wir die Wahl.






