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Kolumne Nr. 9 America First, Europa Zweite Klasse


Warum Donald Trump für Europas extreme Rechte vom Vorbild zur Hypothek wird

Am Anfang stand die Euphorie. Champagner in Parteizentralen, Selfies mit roten Kappen, das wohlige Gefühl, endlich auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Donald Trump, dieser polternde Immobilienunternehmer mit Hang zur Grobheit, erschien Europas extremen Rechten lange als das, was ihnen selbst noch fehlte: der Beweis, dass man mit Nationalismus Wahlen gewinnen kann. „America First“ klang wie die Exportversion eines politischen Heilsversprechens, das in Paris, Berlin oder Rom nur noch übersetzt werden musste. France d’abord, Deutschland zuerst, wir gegen den Rest.

Diese Euphorie bekam im November 2025 noch einmal amtlichen Glanz. Trumps Nationale Sicherheitsstrategie, ein 33-seitiges Dokument mit dem harmlos klingenden Kapitel „Förderung der europäischen Größe“, las sich weniger wie Außenpolitik als wie ein Wahlflugblatt der europäischen extremen Rechten. Europa, so hieß es dort, stehe wegen Masseneinwanderung vor der „Auslöschung der Zivilisation“. Seine Eliten unterdrückten die Meinungsfreiheit, zensierten politische Opposition, zerstörten nationale Identitäten. Migration erscheine nicht als soziale oder ökonomische Herausforderung, sondern als existenzielle Bedrohung. Carl Bildt, Schwedens ehemaliger Ministerpräsident, bemerkte trocken, die Strategie positioniere sich „rechts von der extremen Rechten Europas“. Der frühere französische Botschafter Gérard Araud sprach von einer „rechtsextremen Broschüre“.

Tatsächlich bediente die Strategie offen das Vokabular des „großen Austauschs“, jener Verschwörungserzählung, die in Wahlkämpfen von AfD, Rassemblement National, Vox oder Lega seit Jahren mobilisiert wird. Washington erklärte, man wolle „Widerstand gegen Europas gegenwärtigen Kurs fördern“ und „patriotische Parteien“ stärken, damit Europa „europäisch bleibe“. Für viele Nationalisten klang das wie internationale Anerkennung – und wie ein Versprechen auf Rückenwind aus der mächtigsten Hauptstadt der Welt.

Zwei Jahre später ist von diesem Glanz wenig übrig. Trump ist wieder da, ja. Aber er ist nicht mehr Projektionsfläche, sondern Problem. Nicht mehr ideologischer Bruder, sondern ein Onkel, der bei Familienfeiern zu laut wird, fremde Gäste beleidigt und am Ende die Rechnung nicht bezahlen will. Aus der vermeintlichen Schicksalsgemeinschaft ist eine Zweckbeziehung geworden, in der sich plötzlich zeigt, was schon immer galt: Nationalismus funktioniert als Parole – aber kaum als Partnerschaft.

Vom Vorbild zur Zumutung

Der Wandel kam nicht schleichend, sondern mit Ansage. Mit Zöllen, die Europas Industrien treffen. Mit einer nationalen Sicherheitsstrategie, die Europa als degenerierten Kontinent beschreibt, bedroht von Migration und „Zivilisationsverlust“. Und schließlich mit der Drohung, Grönland – ein autonomes Gebiet Dänemarks – einfach einzuverleiben. „Unakzeptabel“, „unerträglich“, „feindselig“ lauteten plötzlich die Vokabeln aus Mündern, die sonst nicht zimperlich sind, wenn es um Souveränität geht.

Bemerkenswert ist dabei, dass ausgerechnet jene nationale Sicherheitsstrategie, die im November 2025 noch wie ein ideologischer Ritterschlag für Europas extreme Rechte klang, nun zum Ausgangspunkt der Entfremdung wurde. „Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien gibt in der Tat Anlass zu großem Optimismus“, hieß es dort. Für AfD, Rassemblement National oder Vox las sich das wie internationale Anerkennung – doch dieselbe Strategie erklärte zugleich amerikanische Vorherrschaft zur Leitlinie und europäische Eigenständigkeit zur nachrangigen Größe. Anerkennung und Abwertung lagen auf derselben Seite Papier.

Jordan Bardella, der designierte Hoffnungsträger des französischen Rassemblement National, sprach von „wirtschaftlicher Erpressung“ und warnte vor einer „Vasallisierung Europas“. Nigel Farage nannte Trumps Zollpolitik einen „äußerst feindseligen Akt“. Giorgia Meloni, lange als Brückenbauerin zu Trump gefeiert, erinnerte öffentlich daran, dass italienische Soldaten in Afghanistan gefallen seien – eine direkte Antwort auf Trumps Herabsetzung europäischer Verbündeter.

Auch in Deutschland wurde der Ton schärfer. Alice Weidel erklärte, Trump habe ein „grundlegendes Wahlversprechen gebrochen“, nämlich sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Parteichef Tino Chrupalla sprach von „Methoden des Wilden Westens“. Die Schärfe dieser Kritik ist weniger moralisch motiviert als strategisch: Laut einer Forsa-Umfrage sehen inzwischen 71 Prozent der Deutschen die USA unter Trump eher als Gegner denn als Verbündeten – ein Wert, der selbst für eine systemoppositionelle Partei schwer zu ignorieren ist.

Das ist mehr als taktische Distanzierung. Es ist der Moment, in dem ein Widerspruch sichtbar wird, der lange unter dem Teppich nationalistischer Rhetorik lag: Nationalismus ist nicht international kompatibel. Wer „mein Land zuerst“ ruft, kann schwerlich applaudieren, wenn ein anderer genau das Gleiche meint – nur mit größerem Militär und stärkerer Wirtschaft.
Nationalismus kennt keine Freunde.

Mark Leonard vom European Council on Foreign Relations brachte es nüchtern auf den Punkt: „Es geht ihnen nicht um Amerika zuerst, sondern um Deutschland zuerst, um Frankreich zuerst. Da besteht ein inhärenter Widerspruch“. Trumps Politik macht diesen Widerspruch unübersehbar. Seine Zölle sind keine Metapher, sondern Rechnungen. Seine Drohungen sind keine Tweets, sondern strategische Ansagen.

Gerade die Grönland-Frage verdichtete diesen Konflikt exemplarisch. Als Trump ankündigte, Zölle gegen jene EU-Staaten zu verhängen, die Dänemark militärisch unterstützten, wurde aus ideologischer Nähe ein handfester Interessengegensatz. Bardella forderte offen die Aussetzung des transatlantischen Handelsabkommens, Mattias Karlsson von den Schwedendemokraten sprach von einem „umgekehrten König Midas“: Alles, was Trump anfasse, werde schlechter.

Hinzu kommt ein Problem, das Populisten ungern zugeben: die eigene Wählerschaft. Umfragen des ECFR und von YouGov zeigen, dass Trump in Europa massiv unpopulär ist – selbst unter Anhängern rechtspopulistischer Parteien. In Deutschland halten nur rund 20 Prozent der AfD-Wähler Trump für gut fürs eigene Land; fast die Hälfte sieht ihn als schädlich. In Frankreich ist das Verhältnis ähnlich. Wer an die Macht will, kann es sich nicht leisten, einen Politiker zu umarmen, den die Mehrheit ablehnt.

Die AfD liefert ein Lehrstück dieser inneren Zerreißprobe. Alice Weidel nennt Trumps Zollpolitik „extrem schlecht“ und kritisiert seinen Eingriff in Venezuela als Bruch eines zentralen Wahlversprechens. Beatrix von Storch weist amerikanische Ansprüche auf Grönland zurück. Tino Chrupalla hingegen fabuliert davon, das Völkerrecht müsse „neu verhandelt“ werden, Venezuela liege in der amerikanischen Einflusssphäre, so wie die Ukraine in der russischen. Das ist kein souveränistisches Programm, das ist geopolitischer Fatalismus mit deutschem Akzent.

Der Politikwissenschaftler Johannes Hillje bringt das strukturelle Problem auf eine einfache Formel: Für Nationalisten sei eine gemeinsame Außenpolitik immer schwierig, weil nationale Interessen nicht automatisch zusammenfielen. Was hier sichtbar wird, ist keine taktische Meinungsverschiedenheit, sondern ein Konstruktionsfehler.

Was hier aufbricht, ist mehr als ein Streit über Zölle oder Territorien. Es ist die Kollision zweier Ebenen: der symbolischen Politik und der materiellen Realität. Solange Trump als Oppositionsfigur agierte, als Stachel im Fleisch des liberalen Establishments, ließ er sich problemlos vereinnahmen. Jetzt, als Präsident mit Machtmitteln, zwingt er seine vermeintlichen Verbündeten zur Positionierung. Und Positionierung heißt: Interessen benennen. Nationale Interessen.

Gerade darin liegt die Ironie. Die extreme Rechte Europas hat jahrelang den Liberalismus als weltfremd verspottet, als ideologisches Projekt ohne Bodenhaftung. Nun stolpert sie selbst über eine sehr reale Frage: Was tun, wenn der ideologische Partner die eigene Wirtschaft schädigt, die eigene Sicherheit relativiert und die eigene Souveränität infrage stellt?

Mark Leonard beschreibt Trumps Bewegung als „globale politische Revolution“, die weniger durch Panzer als durch Ideen wirke. Diese Revolution hat Europa erreicht – aber nicht so, wie ihre Bewunderer es sich erträumt hatten. Sie entlarvt die Neue Rechte als das, was sie ist: eine Bewegung, die vom internationalen Kulturkampf lebt, aber an der internationalen Machtpolitik scheitert.

Denn Machtpolitik kennt keine Freundschaften, nur Interessen. Und Trump macht keinen Hehl daraus. „America First“ ist kein philosophischer Diskurs, sondern eine Gebrauchsanweisung. Wer sie ernst nimmt, landet zwangsläufig bei „Europa second“. Oder drittens. Oder gar nicht mehr auf der Liste.

Die Reaktionen auf die Grönland-Drohung zeigen das Dilemma in Reinform. Ein nationalistischer Politiker kann schwerlich akzeptieren, dass ein fremder Staat Grenzen verschiebt, nur weil er es kann. Tut er es doch, entkernt er den eigenen Begriff von Nation. Sudha David-Wilp vom German Marshall Fund nennt das für die AfD ein „Gräuel“, weil es ihr gesamtes Verständnis des internationalen Systems untergräbt.

Deshalb wirkt die aktuelle Distanzierung so unerquicklich halbherzig. Öffentliche Kritik, private Kanäle offenhalten. Empörung für die Presse, Umarmung im Hintergrund. Politico beschreibt diese Doppelstrategie treffend als „öffentliche Distanz, private Nähe“. Man will den Nutzen der Verbindung behalten, ohne den Preis zu zahlen. Doch genau das wird zunehmend unmöglich.

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