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Kolumne Nr. 7 In Besitz nehmen, wenn das Eis schmilzt


Trumps Grönland-Projekt vereint drei Linien: Profit aus der Klimakatastrophe, Zugriff auf das letzte große Beuteland und die techno-utopische Vision einer steuerfreien Freiheitsstadt. Es ist der imperiale Versuch, die Arktis in ein Start-up mit Rohstofflizenz zu verwandeln.

Was 2019 wie ein schlechter Laune-Post auf Truth Social klang – ein Präsident, der Grönland kaufen will, als sei es ein marodes Golfressort – entpuppt sich 2026 als Testfeld eines neuen geopolitischen Programms. Hinter der Sicherheitsrhetorik, mit der Donald Trump seine Obsession für die größte Insel der Welt verbrämt, steckt keine bloße Rückkehr zum altbekannten Imperialismus. Sondern ein Geschäftsmodell, das drei Dynamiken bündelt, die unsere Gegenwart strukturieren – und unsere Zukunft deformieren könnten.

Erstens: Profit aus der Klimakatastrophe

Das arktische Meereis schmilzt – und mit ihm die letzten Hindernisse für eine neue Ära maritimer Ausbeutung. Die Arktis erwärmt sich viermal schneller als der globale Durchschnitt. Der sogenannte Albedo-Effekt – weißes Eis reflektiert Sonnenlicht, offenes Wasser speichert Wärme – treibt eine Rückkopplung an, die ehemals unpassierbare Regionen schiffbar macht.

Die Folge: Handelsrouten verschieben sich. Die Nordostpassage, einst eine Idee für Abenteurer mit Eisbrecherlizenz, ist zur ernstzunehmenden Alternative geworden. Stand 2026 verkürzt sie die Transitzeit zwischen Asien und Europa auf 17 bis 20 Tage“ – statt 30 bis 40 über den Suezkanal, oder gar über 50 rund ums Kap der Guten Hoffnung. Die Strecke selbst schrumpft von 21.000 auf 12.800 Kilometer. In der Sprache des Kapitals: 40 % Distanzersparnis, sinkende Treibstoffkosten, 40 % niedrigere Lagerbestände, freigesetztes Umlaufvermögen.

Chinesische Reedereien haben diese Rechnung längst gemacht – 14 Transitfahrten 2025, ein neuer Rekord. Südkorea zog nach und testet 2026 erstmals den eigenen Kurs durch die Arktis. China investiert in die Infrastruktur seiner „Polaren Seidenstraße“, während westliche Staaten angesichts politischer Sanktionen und technischer Rückstände im Packeis festsitzen.

Und die USA? Die verkaufen ihre verspätete Aufmerksamkeit als Sorge um nationale Sicherheit. In Wahrheit geht es um Logistikrenditen, Versicherungsmärkte, den Zugriff auf Ressourcen – darunter 22 % der weltweit vermuteten, aber noch unerschlossenen Öl- und Gasvorkommen.

Was bleibt, sind Einschränkungen, die man in solchen Kreisen gern als „Skalierungsproblem“ bezeichnet: Die Passage ist bislang saisonal, gefährlich, teuer versichert. Aber das hat die Arktis noch nie davor bewahrt, zur nächsten profitablen Peripherie erklärt zu werden. Die Klimakatastrophe mag für andere eine Herausforderung sein – hier ist sie schlicht Geschäftsgrundlage.

Zweitens: Grönland als letztes großes Beutestück des Planeten

Mit dem Rückgang des Eises wird das unterirdische Schatzhaus Grönlands zugänglich: Uran, Platin, Kupfer, Öl, Seltene Erden. Dass diese Rohstoffe bislang weitgehend unerschlossen sind, liegt nicht an Mangel an Interesse – sondern an etwas, das in Trumps Umfeld als Irrweg gilt: Regulierung, Umweltschutz, indigene Mitbestimmung.

Trump selbst hat seine Rohstoffpolitik einmal mit den Worten „Drill, Baby, Drill“ zusammengefasst. Grönlands eher vorsichtiger Umgang mit seinem Ressourcenreichtum passt nicht in diese Welt. Die linksgerichtete Regierung der Inuit Ataqatigiit untersagte 2021 jegliche neue Öl- und Gasexploration, kippte Genehmigungen für ein umstrittenes Uran-Selten-Erden-Projekt und erklärte öffentlich: „Der Preis für die Ölförderung ist zu hoch.“ Die Umwelt, nicht der Markt, setzte die Grenze.

Genau diese Grenze will Trump niederreißen. Sein erklärtes Ziel: Die USA sollen führender Produzent strategischer Rohstoffe werden – auch auf Kosten anderer Staaten. Und Grönland, so formulierte es sein Botschafter Ken Howery im Dezember 2025, sei für Amerika eine „absolute Notwendigkeit“.

Ein „großes Immobiliengeschäft“, wie Trump es nennt, wäre es vor allem für die Investoren. KoBold Metals etwa – finanziert von Marc Andreessen, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg – nutzt KI, um in Westgrönland nach Metallen zu suchen, die für künstliche Intelligenz und grüne Technologien essenziell sind. Das Unternehmen hält mittlerweile 51 % am Projekt „Disko-Nuussuaq“. In der letzten Finanzierungsrunde sammelte es 537 Millionen Dollar ein. Die Bewertung: drei Milliarden – auf Basis eines Algorithmus, der Gletscher schmelzen sieht und Gewinne wachsen lässt.

Dass sich KoBolds Investoren auch in Projekte wie „Praxis“ engagieren – eine techno-libertäre Freiheitsstadt auf grönländischem Boden – ist dabei kein Zufall, sondern Strategie. Kapital und Kontrolle sind in diesen Kreisen längst nicht mehr zu trennen: Der Rohstoffabbau folgt der Idee, dass Governance am besten funktioniert, wenn sie nicht stattfindet – solange sie von den richtigen Leuten abgeschafft wird.

Grönland ist geostrategisch relevant, ja. Aber vor allem ist es geopolitisch verwundbar: halbautonom, ressourcenreich, dünn besiedelt. Der Konflikt zwischen wirtschaftlicher Unabhängigkeit und politischer Selbstbestimmung ist alt – doch die Klimakrise bringt neue Dynamik: Während das Eis schmilzt, wachsen außenpolitische Begehrlichkeiten. Dass Grönlands Bevölkerung den Ausverkauf mehrheitlich ablehnt, stört niemanden. Die Zukunft der Insel wird woanders verhandelt – im Oval Office, in Risikokapitalgesellschaften und in den Modellrechnungen jener Firmen, die ihre Explorationsdaten direkt aus staatlichen Gutachten ziehen.

Nicht einmal Dänemark konnte bislang garantieren, dass Grönlands Umweltpolitik Bestand hat. Und Trump hat bereits erkennen lassen, was passieren wird, wenn sich die Insel dem Zugriff verweigert: Eine militärische Option sei „nicht ausgeschlossen“. Das mag klingen wie Drohgebärde – aber Grönland ist nicht das erste Territorium, das aus Sicht amerikanischer Machtpolitik nur auf den richtigen Moment warten muss.

Grönland ist kein Ort, der entdeckt wird. Es ist ein Ort, der in Besitz genommen werden soll.

Drittens: Die techno-utopische Vision einer steuerfreien Freiheitsstadt

Hier wird es paradox: Ausgerechnet jene, die sich als Gegner des Staates gerieren – libertäre Vordenker aus dem Silicon Valley, für die „Regulierung“ ein Schimpfwort ist und „Innovation“ jede Form von demokratischer Kontrolle überstrahlt –, umarmen nun die Idee eines eigenen Staates. Besser: eines Nicht-Staates.

Die Freiheitsstadt, wie sie von der Krypto-Organisation Praxis geplant wird, ist keine Fiktion aus einem dystopischen Roman, sondern ein real verhandeltes Projekt. Ihr Ziel: Grönland. Dort, wo aus Sicht libertärer Investoren noch genug Fläche, Schweigen und politisches Vakuum vorhanden ist, um ein neues Gesellschaftsmodell zu errichten.

Ein Modell, das Steuern, Rechtsstaat und Öffentlichkeit durch Blockchain, Tokenisierung und CEO-Herrschaft ersetzt. In der Grönland-Version soll diese Stadt – so Praxis-Gründer Dryden Brown – mit Hilfe privater Besteuerung sogar dänische Subventionen kompensieren. Dass Grönland kein Niemandsland, sondern ein autonomer Landesteil mit lebendiger indigener Gesellschaft ist, wird dabei ignoriert oder als „Hindernis“ betrachtet – ein Begriff, der hier alles sagt.

Brown reiste selbst nach Nuuk, angeblich inspiriert durch Trumps Kaufangebot 2019. Nach eigener Aussage wollte er „Grönland kaufen“ – oder zumindest ein Stück davon. Vor Ort habe er, so sein eigener Bericht, „die Bereitschaft zur Souveränität“ festgestellt – und das als Geschäftschance interpretiert. Eine ökonomisierte Form von Freiheitsverständnis, bei der politische Unabhängigkeit nicht erkämpft, sondern zur Währung gemacht wird.

Problematisch aus Sicht von Praxis: Grönland erlaubt kein Privateigentum. Gemeinden haben ein Vetorecht bei Ressourcenerschließung. Doch Brown ist zuversichtlich: Eine neue Regierung, sagt er, könnte das ändern. Der libertäre Staat als Wette auf politische Umbrüche – finanziert durch eine Investorengruppe, die 525 Millionen Dollar aufgebracht hat, um irgendwo zwischen Krypto-Euphorie und kolonialer Neuauflage eine digitale Zukunftsoase zu schaffen.

Zu den Unterstützern zählen dieselben Namen, die auch in Trumps Rohstoffprojekte verwickelt sind: Marc Andreessen, dessen Risikokapitalfirma nicht nur KoBold Metals, sondern auch Praxis fördert, Peter Thiel, der sich seit Jahren für Sonderwirtschaftszonen nach seinem Geschmack starkmacht, und der Investorenzirkel von Pronomos Capital, gegründet vom Enkel Milton Friedmans, mit dem Ziel, sogenannte Charter Cities zu errichten – private Städte mit eigenen Gesetzen, außerhalb der Reichweite staatlicher Institutionen.

Das Branding folgt den üblichen Mustern techno-utopischer Ästhetik: „Wir sind für Größeres bestimmt“, heißt es im X-Profil von Praxis – unter einer pastellfarbenen, bewusst halluzinogen anmutenden Flagge. In einem anderen Posting feierte man die Idee eines „neuen Poststaats im hohen Norden“. Die geplante Stadt – gebaut auf der Blockchain, gelenkt von einem „König-CEO“, rekrutiert via ästhetisierten Pitchdecks mit „attraktiven Frauen“ für den Tech-Arbeitsplatz – soll ein Ausweg aus der Gegenwart sein. Nicht für alle. Nur für jene, die es sich leisten können.

Was hier entsteht, ist keine politische Utopie, sondern ein rechtsfreier Raum für Kapitalinteressen – kolonialer Zugriff im Cloud-Gewand. Eine Enklave der Deregulierung, die staatliche Souveränität als Störgröße betrachtet. Trump liefert die militärische Drohkulisse. Seine Oligarchenfreunde liefern die Start-ups. Und Praxis? Die liefert die Vision: eine Welt, in der sich das Kapital nicht mehr an die Demokratie anpasst – sondern die Demokratie an das Kapital.

Der neue Imperialismus ist ein Netzwerk

Was einst mit Uniformen und Fahnen kam, tarnt sich heute als Plattform, Stadtprojekt oder Rohstofffonds. Die Muster aber bleiben dieselben: Zugriff, Extraktivismus, Enteignung. Nur dass heute nicht mehr in Kolonien gedacht wird, sondern in Skalierbarkeit. Nicht in Flaggen, sondern in Shareholdern.

Ken Howery, ehemaliger PayPal-Mitgründer und Tech-Investor, wurde unter Trump als Botschafter nach Dänemark geschickt – mit dem Auftrag, über den Erwerb Grönlands zu verhandeln. Die Grenzen zwischen Diplomatie und Deal, zwischen Staat und Spekulation, verschwimmen. Reuters berichtete, dass die Idee einer „Startup-City“ in Grönland längst in konkreten Gesprächen verhandelt wird – als Projektionsfläche für KI-Zentren, Mikro-Atomreaktoren und Weltraumbahnhöfe. Und als Rückzugsort für eine neue Elite, die sich längst vom demokratischen Gesellschaftsvertrag verabschiedet hat.

Die grönländische Bevölkerung lehnt laut Umfragen mehrheitlich eine Annexion ab. Doch ihre Stimme wird systematisch marginalisiert. Denn der Imperativ, aus Schmelze Profit zu schlagen, duldet keine Verzögerung. Wer stört, wird übergangen. Wer protestiert, wird ignoriert. Die indigene Perspektive ist nicht marktfähig – und daher politisch irrelevant im kalkulierten Zugriff.

Der Arktische Rat, das letzte internationale Gremium mit einem Hauch von Kooperation, hat kein Mandat für wirtschaftliche Zonen, geschweige denn für militärische Präsenz. Doch genau das fordern die neuen Player: NATO-Ausbau, Eisbrecherflotten, eigene Gerichtsbarkeit. Was in Grönland erprobt wird, ist nicht weniger als ein neuer Governance-Modus: ohne Gewaltenteilung, ohne Widerspruch, ohne Öffentlichkeit. Dafür mit ROI, Innovationsrhetorik und geopolitischem Branding.

Die Arktis wird zum Spielfeld eines neuen Imperialismus – nicht im Namen der Nation, sondern im Namen des Kapitals. Nicht mit Soldaten, sondern mit Shareholdern. Die drei Linien, die in Trumps Grönland-Projekt kulminieren – Profit durch Schmelze, Zugriff auf Beute, techno-libertäre Visionen – ergeben zusammen ein beunruhigend klares Bild: Die Arktis als Start-up mit Rohstofflizenz. Und Grönland als erster Standort.

Die offene Frage lautet: Wer zieht die Grenze – bevor auch sie schmilzt?

 

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