Wie Elon Musk mit Starbase, Snailbrook & Co. die Demokratie abschraubt – und warum das System dabei hilft.
Der Fortschritt kommt auf leisen Sohlen. Oder auf Raketenstufen. Und wer heute glaubt, dass Städte noch Orte der demokratischen Teilhabe seien, der war vermutlich noch nie in Starbase, Texas – oder hat sich nie gefragt, wer dort eigentlich wählen darf. Die Antwort ist einfach: Wer Elon Musks Gehaltsliste ziert, darf mitreden. Wer nicht, bleibt draußen. Im Zweifel sogar physisch. Tore schließen sich. Für eine „öffentliche“ Gemeinde, wohlgemerkt.
Wenn Multimilliardäre wie Elon Musk beginnen, Städte zu gründen, ist das keine Neuigkeit – es ist eine Rückkehr. Feudale Strukturen, neu verpackt im Silicon-Valley-Branding: effizient, disruptiv, exklusiv. Der Unterschied? Früher nannte man es Leibeigenschaft, heute nennt man es Meme Street.
Starbase, Texas – Die erste „Unternehmensstadt“ im Allzeitalter
Im Mai 2025 wurde Starbase offiziell als Stadt im Süden von Texas eingetragen. Die Abstimmung über die Eingemeindung fand in der winzigen Gemeinde Boca Chica statt. Zwei Drittel der dortigen Bewohner waren zu diesem Zeitpunkt bereits SpaceX-Angestellte. Das Ergebnis: Die Firma wurde zur Stadt, das Werk zur Verwaltung, der Wohncontainer zum Zuhause. Was einst ein rauer Küstenstreifen mit Zugvögeln und eigenwilligen Texanerinnen und Texanern war, ist nun ein abgeschirmtes Testgelände für Raketenstarts – und für neue Formen der Machtausübung.
Starbase ist heute Hauptquartier des Starship-Programms von SpaceX. Die Stadtstruktur dient dabei einem einzigen Zweck: Effizienzsteigerung durch vollständige Kontrolle. Etwa 500 Menschen leben dort – nahezu alle sind SpaceX-Mitarbeitende oder deren Familien. Untergebracht in firmeneigenen Airstream-Wohnwagen oder Containern, bilden sie eine funktionale Zweckgemeinschaft auf Zeit. Der Wohnraum gehört dem Unternehmen. Die Mietverträge, die Stromversorgung, der Brandschutz, sogar die geplante Polizeibehörde: alles SpaceX.
Die Verwaltung ist vollständig mit SpaceX-Führungspersonal besetzt. Der erste Bürgermeister, Robert Peden, wurde 2023 SpaceX-Vizepräsident für Tests und Starts – und ist seither auch Stadtoberhaupt. Seine Behörde kann Bauanträge nun direkt bei sich selbst einreichen und genehmigen. Was andernorts Monate dauert, wird hier mit einem Nicken in der Chefetage erledigt. Der Begriff Vetternwirtschaft wirkt fast zu harmlos – Kritiker sprechen von einer „Company Town“, wie sie aus dem frühen 20. Jahrhundert bekannt ist. Elon Musk nennt es „Fortschritt“.
Doch Starbase ist kein romantisches Zukunftsprojekt für Pioniere. Es ist ein Testlauf dafür, was passiert, wenn ein Tech-Konzern nicht nur Märkte, sondern auch Städte übernimmt. Dabei bauen Unternehmen nicht nur Produkte, sondern auch Verwaltungen und Demokratie wird zum optionalen Konzept. Musk formulierte es einst so: „Ich will eine Stadt für Marsmenschen bauen.“ Der Satz klang wie ein Gag – war aber keiner. Starbase ist Realität. Mit Ortsschild, Verwaltungsstruktur – und einem Chef, der offiziell keiner ist, aber letztlich alles entscheidet.
Gegenstimmen gibt es – doch sie werden ignoriert oder verdrängt. So etwa der indigene Stamm der Carrizo Comecrudo, der Raketenstarts auf heiligem Land als sakrilegisch verurteilt. Oder Umweltgruppen, die auf radioaktive Rückstände hinwiesen. Doch wer hier widerspricht, riskiert nicht nur das politische Aus, sondern auch die Kündigung. Die Machtverhältnisse sind klar: Oben SpaceX, unten die Crew in silberglänzenden Trailerparks, dazwischen eine Hauptstraße namens Meme Street – benannt nach einem Internetwitz, der hier zur Verfassungsform wurde.
Was aussieht wie Fortschritt, ist vor allem eines: ein Befreiungsschlag – nicht für Bürgerrechte, sondern für Bürokratievermeider. Eine Stadt als Konzernstruktur, ein Ort nicht für Träumer, sondern für Gefolgsleute. Willkommen in Starbase – der ersten Raumfahrtstadt, gebaut aus Aluminium, Loyalität und Macht.
Snailbrook / „Project Amazing“ – Wohnen, Arbeiten, Schweigen
Nach Starbase entsteht in Bastrop County, Texas, rund 300 Kilometer entfernt, Elon Musks zweite Unternehmensstadt: Snailbrook, intern auch „Project Amazing“ genannt. Der Name klingt nach Kinderbuch – die Realität jedoch erinnert eher an ein wirtschaftspolitisches Experiment mit dystopischem Beigeschmack.
Geplant ist eine private Modellstadt am Colorado River, in der Mitarbeitende von Tesla, SpaceX und The Boring Company nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen und leben – möglichst ohne Trennung von Berufs- und Privatleben. Musk selbst spricht von einer „Utopie“, andere von einem Kontrollsystem im Stil längst vergangener Zeiten. Die Grundidee: erschwinglicher Wohnraum unter dem Marktpreis, subventioniert vom Arbeitgeber – als Anreiz, sich ganz in die Firmenwelt einzufügen. Doch wo Miete und Arbeitsplatz aus derselben Hand kommen, verschwimmt die Grenze zwischen Teilhabe und Abhängigkeit.
Die Parallelen zum berüchtigten Projekt Fordlandia von Henry Ford im brasilianischen Regenwald liegen auf der Hand: Auch dort sollte ein wirtschaftlich rationalisiertes Paradies entstehen – mit Plantagen, Werkhallen und Moralunterricht. In Snailbrook ersetzt Musk die Bibel durch Dogecoin-Witzkultur und libertäre Management-Philosophie. Was als Innovation verkauft wird, funktioniert nach alten Mustern: Der Arbeitgeber wird zugleich Vermieter, Versorger und faktischer Gesetzgeber. In Snailbrook regiert nicht das öffentliche Interesse, sondern der betriebswirtschaftliche Quartalsbericht.
Berichten zufolge forderte Musk von den lokalen Behörden konkrete Zusagen: weniger Regulierung, mehr Tempo – oder in seinen Worten: „wenig Bürokratie“. Was er meinte, war: keine Mitbestimmung. In Bastrop County bekam er genau das. Der Genehmigungsprozess wurde verschlankt, Auflagen minimiert, Kritik marginalisiert. Was aussieht wie Verwaltungseffizienz, ist die gezielte Demontage demokratischer Strukturen zugunsten eines unternehmerischen Alleinentscheiders.
In der Sprache der Projektinitiatoren ist viel von „Selbstverwirklichung“ und „Innovation“ die Rede. Doch während die Werbebotschaften blumiger werden, verschwinden die Menschen, die nicht dazugehören – oder nicht dazugehören wollen – aus dem Diskurs. Kritiker, die sich gegen die zunehmende Verschmelzung von Arbeitswelt und Lebensraum stellen, haben wenig Chancen, gehört zu werden. Denn wer sich in Snailbrook nicht fügt, riskiert nicht nur den Job, sondern auch das Dach über dem Kopf.
Snailbrook ist damit kein sozialreformerisches Experiment, sondern die Rückkehr der „Company Town“ in neuem Gewand – digitalisiert, markenstark, aber zutiefst autoritär strukturiert. Hier entstehen keine Städte im klassischen Sinn, sondern Systeme totaler Effizienz. Leben und Arbeit werden eins, Kritik wird zum existenziellen Risiko und die Utopie zur Fassade.
„Terminus“ und die Mars-Vision
Das ultimative Ziel von Musks Stadtbauprojekten ist die Besiedelung des Mars, für die er den Namen Terminus vorgeschlagen hat. Selbstbestimmung: Musk plädiert dafür, dass Marskolonien durch „Volksabstimmungen“ regiert werden und unabhängig von irdischen Regierungen bleiben sollen. Das „Prototyp“-Projekt: Anfang 2026 kursieren unter Investoren im Silicon Valley Überlegungen, Grönland als Testumgebung für eine „Freiheitsstadt“ zu nutzen – das harsche Klima dort gilt als idealer Vorläufer für eine Mars-Siedlung.
Der Name Terminus war nie als Pointe gedacht, aber er taugt als solche. Elon Musks langfristiges Ziel ist nicht Bastrop County, sondern der Mars. Ein Planet als Projektionsfläche für eine neue Gesellschaft, jenseits demokratischer Altlasten. Keine Parlamente, keine Gewerkschaften, keine Verwaltungsgerichte – nur Raumanzug und Volksabstimmung.
Ob die ersten Bewohner dort wählen oder einfach nur funktionieren sollen, ist unklar. Sicher ist nur: Die Governance-Strukturen der Marskolonie sollen laut Musk per „populärem Votum“ entstehen. Eine nette Idee, solange man davon ausgeht, dass derjenige, der den Sauerstoff liefert, sich enthalten wird.
Solange Terminus Zukunftsmusik bleibt, wird auf der Erde geübt. Zum Beispiel in Grönland. Dort träumt ein Start-up namens Praxis, finanziert von Sam Altman, Peter Thiel und Patri Friedman, vom Aufbau einer „digitalen Nation“. CEO Dryden Brown – ein 29-jähriger Ex-Profisurfer mit Hang zur Österreichischen Schule – formuliert das so: „Wenn wir Kolonien auf dem Mars errichten wollen, sollten wir in Grönland üben.“
Das klingt wie der feuchte Traum eines Science-Fiction-Autors, ist aber längst politisch unterfüttert: Mit Spendensammlungen, Visa-Ausstellungen für eine „neue Aristokratie“ – und konkreten Verhandlungen mit Regierungen, die auf Entwicklungshilfe hoffen. Es geht um Gesetze, aber auf Bestellung. Um Investitionen – gegen Immunität.
Ideologische Grundpfeiler
Hinter diesem Denken steht eine Ideologie, die sich selbst als Ausstieg aus der Geschichte versteht. Ihr Evangelist ist Balaji Srinivasan, einst bei Coinbase, dann Vordenker eines neuen Gesellschaftsmodells: dem Network State.
Die Idee ist einfach: Eine Online-Gemeinschaft kauft Land, etabliert Regeln, betreibt Infrastruktur – und versucht, sich irgendwann diplomatisch anerkennen zu lassen. Dabei wird Governance als Service verstanden, Politik als Produkt. Mitgliedschaft kostet. Alles andere ist optional.
Srinivasan veranstaltet Konferenzen, verkauft Abos, gründet Schulen auf künstlichen Inseln – seine „Gesellschaft als Dienstleistung“ (Society-as-a-Service) beginnt bei 1.500 Dollar im Monat. Für den Preis gibt es Co-Working, Lebensberatung und die Möglichkeit, neue Gesellschaftsformen zu entwerfen.
Was wie ein intellektuelles Rollenspiel klingt, wird von Millionenfinanzierungen getragen – durch die üblichen Verdächtigen: Andreessen Horowitz, Altman, Thiel. Venture Capital als Verfassungsgeber. Investoren als Souveräne.
Milliardärsstädte, Radarzäune und das gute Leben
Die Vorstellung, eine Stadt zu gründen, war früher eine Utopie der Linken. Kibbuz, Kommune, Kooperative. Heute ist sie die Lieblingsfantasie libertärer Tech-Milliardäre, die sich lieber mit Start-ups als mit Staatsapparaten herumschlagen.
Bestes Beispiel: Indian Creek Village, Florida. Spitzname: „Bunker der Milliardäre“. Eine künstliche Insel, seit 1939 als Stadt registriert – aber de facto eine geschlossene Wohnanlage für die Superreichen. Jeff Bezos wohnt hier, Jared Kushner, Ivanka Trump, Carl Icahn, Tom Brady.
Die Stadt wird nicht verwaltet – sie wird regiert. Von den 80 Hausbesitzern. Öffentliche Gelder fließen reichlich, Zugang gibt’s nur mit Erlaubnis oder Clubmitgliedschaft. 500.000 Dollar kostet der Eintritt. Der Rest ist Ausschluss.
Sicherheit? Höchste Priorität. 75 Prozent des Stadtbudgets gehen an die Polizei. Mit Booten, Radar, Drohnen. Wer zu nah kommt, wird registriert – und verwarnt. Dass die Inselinfrastruktur mit Steuergeldern saniert wurde, stört niemanden. Die Öffentlichkeit zahlt, darf aber nicht mitspielen.
Starbase, Snailbrook, Indian Creek – sie alle stehen für die gleiche Tendenz: die Privatisierung des Öffentlichen unter dem Banner der Effizienz. Straßen werden nicht mehr von Gemeinden gepflegt, sondern von Konzernen gebaut – und dann geschlossen. Der Zugang wird kontrolliert. Die Demokratie bleibt draußen.
Was diese Projekte verbindet, ist nicht nur ihre Struktur, sondern ihre Ideologie:
Die Annahme, dass Märkte besser regieren als Parlamente. Dass Effizienz wichtiger ist als Mitsprache. Dass Regulierung ein Bremsklotz sei – statt Schutz für Schwächere.
Musk nannte das den „regulatorischen Exit“. Er meint: Raus aus dem Staat, rein in die Eigentumsordnung. Wer mitmachen will, kann unterschreiben. Wer nicht – bleibt draußen. So entsteht ein neues Gesellschaftsmodell: opt-in citizenship, begrenzt durch Einkommen und Kompatibilität.
Es wäre zu einfach, diese Bewegungen als Spinnereien einer abgehobenen Elite abzutun. Denn sie wachsen – mit Kapital, mit Boden, mit Zustimmung. Nicht, weil sie bessere Politik machen. Sondern weil sie das Versprechen abgeben, es besser zu machen. Schneller. Schlanker. Smarter.
Aber was passiert, wenn das schiefgeht? Wer ist verantwortlich, wenn der Markt versagt? Wenn der private Staat nicht liefert? In einer Demokratie wählt man ab. In einer Privatstadt wird man gekündigt.
Vielleicht ist der Network State kein Ausweg – sondern ein Rückfall. In eine Zeit, in der Souveränität käuflich war, das Gemeinwohl optional und Politik ein Investorenmeeting.
Und was passiert eigentlich, wenn der Mars nicht mitmacht?






