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DIE KOLUMNE: Kampfbegriffe ersetzen keine faktenbasierte Israelkritik

„Israel hat mit Unterstützung der USA und des Westens die Angriffe vom 7. Oktober 2023 als Vorwand genutzt, um eine Kampagne des Völkermords, der ethnischen Säuberung und der imperialistischen Expansion zu führen, die ein seit 1948 nicht mehr gesehenes Ausmaß an Gewalt erreicht hat.“, beginnen Reem Hazzan & Nimrod Flaschenberg ihrem Beitrag im ND am 7.5.2026 unter dem Titel „Keine hilfreiche Debatte“. Statt eine Debatte um den Zionismus zu führen, fordern die Autoren „Genozid, Apartheid und Besatzung“ in den Mittelpunkt aller Israel-Kritik zu stellen. Bernd Friedrich hat darauf umfangreich geantwortet, doch nur eine gekürzte Fassung erreichte im ND die Öffentlichkeit, weshalb wir hier seinen vollständigen Einspruch allen Interessierten zugänglich machen.

(Die Redaktion)

Kann man eigentlich das größte Pogrom an Juden nach dem Holocaust mehr verharmlosen als mit der Formulierung „die Angriffe vom 7. Oktober 2023“? Bereits dieser erste Satz zeigt, dass es denen, die ein singuläres Ereignis so beschreiben, nicht um eine sachgerechte politische Analyse geht.

Israel „hat unerbittlich Palästinenser*innen, Libanese*innen, Iraner*innen und andere Zivilist*innen in der gesamten Region bombardiert und getötet und ganze Gemeinden in Gaza, im Westjordanland und im Libanon enteignet oder dem Erdboden gleichgemacht.“ Und was hat die Hamas, was hat die Hisbollah, was hat deren Auftraggeber – der Iran – in dieser Zeit getan? Unschuldig in der Ecke gesessen? Nein, da hat ein Krieg deshalb stattgefunden, weil die Hamas zunächst einen Genozid an Jüdinnen und Juden sowie Menschen begangen haben, die sie für solche hielten und weil sie und andere klerikalfaschistische Organisationen danach trotz ihrer militärisch aussichtslosen Lage nicht kapituliert haben. War es möglich, in der Festung Gaza militärische und zivile Objekte, Kämpfer und Zivilisten voneinander zu trennen? Das war nach meiner Kenntnis nicht der Fall. Wer anderes meint, sollte das nachweisen. 

Die Opferzahlen in Gaza legen nahe, dass die israelische Kriegsführung unverhältnismäßige militärische Aktionen und mutmaßlich auch Kriegsverbrechen begangen hat. Dies ist vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu untersuchen. Fakt ist weiterhin, dass Palästinenser:innen im Westjordanland vielfach schikaniert (u.a. mit der Zerstörung ihres Eigentums), verletzt oder sogar umgebracht werden. Die Phantasien rechtsextremer und religiöser Extremisten von einem Großisrael und dessen begonnene praktische Verwirklichung beinhalten eklatante Verletzungen des Völkerrechts.

„Die seit 1967 andauernde Besatzung und die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der internationalen Gemeinschaft, die Gründung eines palästinensischen Staates durchzusetzen, haben den Weg für Israels messianische Expansion und seine kolonialistischen Bestrebungen in Palästina und der Region geebnet.“ Aber ist das alles? Was war 1967 sonst noch passiert? Eine 100 000 Mann starke ägyptische Armee stand bereit, Israel anzugreifen, was durch Aussagen ägyptischer Politiker propagandistisch vorbereitet wurde.

„Dieses Element der jüdischen Vorherrschaft, das im Zionismus schon immer vorhanden war, ist heute die offizielle und unverblümte Staatsideologie in Israel – wir bezeichnen dies als Apartheid.“ Und damit wird die reale Apartheid in Südafrika verharmlost. Auch die reale Situation von nichtjüdischen Israelis rechtfertigt diese Etikettierung nicht. Apartheid ist hier keine wissenschaftlich definierte Bezeichnung eines Sachverhaltes, sondern ein Propagandabegriff. Die Vernichtung Israels, die in der Charta der Hamas gefordert wird, bleibt beispielsweise in dieser Darstellung außen vor.

Ein weiterer Kampfbegriff ist „Siedlerkolonialismus“. Hier stellt sich erstmal die Frage, wann er begonnen hat: Vor 2000 Jahren durch einwandernde Araber? Vor 130 Jahren durch die ersten jüdischen Siedler, an die arabische Großgrundbesitzer bereitwillig Land verkauften? Wieder wird ein Begriff nicht definiert und so zu einem reinen Propagandainstrument. Aus meiner Sicht ist es in diesem Zusammenhang sinnvoll, sich an die historischen Fakten zu halten:

Die Gründung Israels erfolgte auf einen Beschluss der UNO. Wenn man an „Siedlerkolonialismus von Anfang an“ glaubt, dann wäre die UNO eine Organisation, die Siedlerkolonialismus propagiert und durchgesetzt hat – darunter auch ihre Mitgliedsstaaten Sowjetunion, Belorussland, Ukraine, Polen und Tschechoslowakei. Solange man mir das nicht Punkt für Punkt wissenschaftlich exakt begründen kann, halte ich das für Unfug.

Weiter im Text: „… eine zionistische Weltanschauung“ steht „ im Einklang mit imperialistischen Interessen im Nahen Osten/Westasien – dies ist seit der Balfour-Erklärung bis hin zum aktuellen Angriffskrieg im Iran der Fall. Schließlich betrachten wir den Zionismus als eine von Natur aus militaristische Ideologie, die konsequent auf militärische Lösungen statt Verhandlungen setzt. Auch dies hat sich in den letzten Jahren verstärkt, verbunden mit einer völligen Ablehnung von Diplomatie.“ 

Tatsächlich? „Mitte der 1920er … verübten nichtjüdische Araber Übergriffe auf einheimische jüdische Palästinenser, da erstere sich vom Zustrom jüdischer Einwanderer bedroht sahen. Ein erster Höhepunkt dieser Entwicklung waren die Unruhen von Jaffa (1921) und die Ausschreitungen von 1929, in deren Verlauf es zum arabischen Massaker an alteingesessenen Juden Hebrons und Safeds, die seit Generationen im Lande lebten, kam.“ (Quelle: Wikipedia) Das ist die historische Realität. Es ist offenkundig, dass zu Beginn der Ansiedlung von Juden keine Pogrome  an Arabern begangen wurden, sondern von den Arabern an den Juden – und dass zahlreiche Araber Juden in ihrer Nachbarschaft geschützt haben, gehört ebenfalls zur Wahrheit dazu.

Waren die israelischen Regierungen, die mit der PLO verhandelt haben und Frieden mit Ägypten und Jordanien geschlossen haben, nicht zionistisch orientiert – oder doch? Sind diese beiden Friedensverträge, die eingehalten werden, nicht ein Beweis, dass diplomatische Verhandlungen mit Israel möglich sind und zu völkerrechtlich gültigen Verträgen führen können, in denen beispielsweise auch israelische Siedlungen aufgegeben wurden? 

Ausschnitte aus der Unabhängigkeitserklärung, die Ben Gurion am 12.05.1948 verlas: 

„Der Staat Israel wird der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offenstehen. Er wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die Heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben. … 

Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen. 

Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem unabhängigen hebräischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.“ 

In der darauffolgenden Nacht erklärten Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon und der Irak Israel den Krieg. Wer hat hier auf eine militärische Lösung statt auf Verhandlungen gesetzt?

Und nun wird es seltsam: Die Autor:innen drehen nach pauschaler und völlig einseitiger Beurteilung der Geschichte und der aktuellen Politik Israels einen doppelten Salto rückwärts: „Wenn unsere Analyse den Zionismus auf so vielen Ebenen ablehnt, warum stellen wir unseren Antizionismus dann nicht in den Vordergrund der politischen Kampagnen in Israel? Der Grund dafür ist, dass der Begriff „Zionismus“ fast gleichbedeutend geworden ist mit jedem patriotischen und nationalen Gefühl unter Jüd*innen. In Israel ist der Zionismus zum Synonym für staatsbürgerliche Tugend geworden.“ Also, sie nehmen Rücksicht auf die Befindlichkeit der meisten israelischen Jüdinnen und Juden und das begründen sie mehrfach mit einzelnen Facetten solcher Rücksichtnahme. Warum eigentlich nicht damit, dass – wie oben von mir belegt – die von ihnen referierten Grundannahmen falsch sind?

Suchen sie nach Anschlussfähigkeit an die „Antizionisten“ unter den propalästinensischen Bewegungen, übernehmen deshalb deren Argumentation und versuchen so, ihnen ihre Ziele zu vermitteln? In der systemischen Therapie nennt man das „Joining“.  Dies „ist als ein therapeutisches Bündnis zwischen Familienmitgliedern und Therapeuten zu verstehen. Gemeint ist ein Vorgehen, welches das Ziel verfolgt, ein kooperatives Arbeitsbündnis mit der Familie bzw. dem Familiensystem einzugehen. Der Therapeut schließt sich an bzw. verschafft sich Eintritt in die Familie, indem er die geltenden Hierarchien und bestehenden Wertvorstellungen respektiert, bestehende Subsysteme stützt und sich an den Ressourcen und Stärken der Systemmitglieder orientiert. … Joining ist grundsätzlich in allen Gesprächen erforderlich, um ein Arbeitsbündnis herzustellen.“ (Quelle : Wikipedia)

Als ich diese Assoziation hatte, war ich erstmal baff.

Hätte ich mir das Auseinandernehmen der bis hierher genannten Grundsätze und Auffassungen sparen können? Könnte es wirklich sein, dass Reem Hazzan und Nimrod Flaschenberg die bis hierhin von ihnen dargestellten antizionistischen Auffassungen gar nicht teilen, sondern nur als Teil einer Arbeitsgrundlage referieren?

Ein Blick ins Netz macht allerdings klar, dass die Situation offenbar komplizierter ist. Von Reem Hazzan gibt es in der UZ vom 20. 09. 2024 ein Interview „Israel betreibt modernen Kolonialismus“, in dem sich ähnliche Auffassungen finden lassen wie die von mir in Frage gestellten im Text „Keine hilfreiche Debatte“. In der taz vom 29.4.2024 hat sich Nimrod Flaschenberg deutlich differenzierter geäußert, insbesondere in Bezug auf Inhalte, die zu dieser Zeit von propalästinensischen Bewegungen geäußert wurden.

Wenn diese beiden Aktivisten nun aufeinander zugegangen sind und Standpunkte gefunden haben, die womöglich geeignet sind, in der aktuellen politischen Situation konstruktiv an gesellschaftlichen Veränderungen mitzuwirken, dann ist das wert, aufmerksam begleitet und gegebenenfalls unterstützt zu werden. Da der Teufel aber auch hier im Detail steckt, wird es dazu sichere weitere Diskussionen geben müssen. 

Wer mit einer aus der systemischen Therapie geborgten Technik Veränderungen im System anregen will, muss sich freilich immer der Tatsache bewusst sein, dass Parteinahme für Personen und/oder die von ihnen vertretenen Anschauungen Mittel zum Zweck sind. Wer ein System anregen will, sich zu verändern, darf nicht dauerhaft Partei für ein Mitglied des Systems – bzw. seine Meinungen – ergreifen, sondern kann stattdessen eine befristete, wechselnde Parteinahme für alle Beteiligten eingehen. In dem Moment, wo eine solche Person sich mit einer Sichtweise eines Mitgliedes des Systems tatsächlich identifiziert, verstößt sie gegen den Grundsatz der „Allparteilichkeit“, der ein zentrales Element systemischer Praxis ist. 

Dies bedeutet, dass als inhaltlicher Hintergrund für die Veränderung eines Systems eine möglichst wirklichkeitsadäquate Analyse der Ursachen und Bedingungen des Verhaltens seiner Mitglieder vorliegen muss, die ständig aktualisiert wird und eine innere Distanz zum System einschließt. Nur so können Anregungen wirklich konstruktiv sein. Wer sich aber im System assimiliert, wird sein Handlanger.

Was bedeutet das nun konkret? Ein Beispiel: Die Autor:innen schlagen linken politischen Bewegungen in Deutschland vor, sich „für konkrete Maßnahmen einzusetzen, wie den Boykott von Waren aus Siedlungen in der Westbank, die Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel und ein vollständiges Verbot von Waffenlieferungen an Israel. Diese Maßnahmen könnten den Zionismus viel stärker herausfordern als die Übernahme des Etiketts ‚antizionistisch‘“.  Na gut: Kann man machen (mit Bedenken meinerseits beim Boykott und das aus historischen Gründen). Das ergibt aber nur dann einen Sinn, wenn propalästinensische Organisationen gleichzeitig fordern, dass der Iran und seine 5. Kolonnen Hisbollah, Hamas und Huthi gegenüber Israel einen dauerhaften Gewaltverzicht erklären. Nur dann wäre das System ihrer Grundsätze tatsächlich verändert.  Ich bin gespannt, ob wir von Reem Hazzan und Nimrod Flaschenberg entsprechende Aussagen vernehmen werden.

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