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DIE KOLUMNE: Der Völkermord ohne Gebrauchswert

Warum der Sudan in der deutschen linken Öffentlichkeit kaum zählt

Im Sudan geschieht, was politische Öffentlichkeiten angeblich nicht mehr übersehen können: Massaker, ethnische Säuberungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Hunger als Waffe. UN-Ermittler sprechen von „Kennzeichen eines Völkermords“, die US Regierung vom „Völkermord an der nicht-arabischen Bevölkerung Darfurs“. Nicholas Kristof nennt den Sudan in der New York Times vom 30. August 2025 „wohl die schlimmste humanitäre Krise der Welt“. Rund 25 Millionen Menschen seien von extremem Hunger betroffen, mindestens zwölf Millionen vertrieben, die Zahl der Toten werde auf über 400.000 geschätzt. Das sind Zahlen, die in einer funktionierenden moralischen Öffentlichkeit nicht erst interpretiert werden müssten. Sie müssten genügen.

Sie genügen nicht.

Der Sudan hat in Deutschland kein großes Publikum. Er hat Hilfswerke, Fachleute, gelegentliche Meldungen und die übliche internationale Grammatik der Besorgnis. Er hat keine moralische Dauersendung. Keine Campus-Mode. Keine linke Ritualsprache. Keine Demonstrationsökonomie. Kein Milieu, das sich über seine Haltung zum Sudan selbst erkennt.

Das ist erklärungsbedürftig.

Denn es geht nicht darum, Gaza gegen Sudan auszuspielen. Kristof schreibt ausdrücklich, „keine der beiden Krisen solle als Ablenkung von der anderen betrachtet werden„. Man könne über das Leid in Gaza und im Sudan zugleich entsetzt sein. Der Satz klingt banal. Gerade deshalb trifft er. Offenbar ist die westliche Empörung kein Muskel, der durch Gebrauch stärker wird, sondern ein Konto, von dem manche Opfer nicht abheben dürfen.

Wenn die Wirklichkeit falsch besetzt ist

Das Schweigen zum Sudan lässt sich bequem erklären: Afrika sei weit weg, der Konflikt unübersichtlich, die Medien überlastet, die Öffentlichkeit erschöpft. Alles richtig, alles unzureichend. Denn die Öffentlichkeit ist nicht immer erschöpft. Sie kann sehr wach sein, wenn der Stoff stimmt.

Der Sudan liefert aber keinen Stoff, der sich leicht in die gewohnte linke Dramaturgie fügt. Dort treten arabisch dominierte Milizen nicht als Opfer westlicher Gewalt auf, sondern als Täter gegen schwarze, nicht-arabische Bevölkerungsgruppen. Die Rapid Support Forces, hervorgegangen aus den Janjaweed-Milizen, werden als Hauptakteur schwerster Verbrechen beschrieben. Kristof berichtet von einer Frau, deren Dorf überfallen wurde: Männer und Jungen seien aufgereiht und getötet, Frauen und Mädchen vergewaltigt worden. Der Satz eines Milizenführers, den sie zitiert, braucht keine Kommentarschicht: „Wir wollen keine Schwarzen sehen.“.

Hier stört nicht nur die Grausamkeit. Hier stört die Rollenverteilung.

Ein Teil linker Weltdeutung lebt von einer Ordnung, in der der Westen handelt und der globale Süden leidet. Diese Ordnung ist nicht aus der Luft gegriffen; sie hat Geschichte, Blut und Aktenordner. Aber sie wird falsch, wenn sie zur Schablone wird. Dann prüft man nicht mehr, wer was tut, sondern ob der Täter ins Formular passt. Im Sudan passt er schlecht.

Arabische Akteure erscheinen in Teilen linker Wahrnehmung vor allem als Kolonialisierte, Gedemütigte, Bombardierte, Ausgegrenzte. Das kann stimmen. Es stimmt nur nicht immer. Im Sudan treten arabisch geprägte Milizen als Herren über Leben und Tod auf. Sie verfolgen Menschen, weil diese als schwarz, fremd, nicht-arabisch gelten. Wer dann schweigt, schützt nicht die Komplexität. Er schützt seine Vereinfachung.

Natürlich ist „die Linke“ kein Block, und natürlich gibt es linke Stimmen, die die Verbrechen im Sudan benennen. Aber politische Milieus erkennt man nicht nur daran, was sie sagen. Man erkennt sie auch daran, was sie nicht in Bewegung setzt. Sudan setzt wenig in Bewegung.

Das ist der Befund.

Die Karriere der selektiven Empörung

Steven Strauss beschreibt in Quillette vom 21. Februar 2026 ein Muster westlicher Universitäten: Israel steht im Zentrum von Protesten, Boykotten und moralischer Selbstvergewisserung; die Vereinigten Arabischen Emirate, die Unterstützer der RSF, bleiben weitgehend verschont. Strauss nennt Beispiele: Trinity College Dublin, NYU Abu Dhabi, akademische Geldströme aus den Emiraten, Stiftungen, Professuren, Campusbeziehungen. Die Pointe ist nicht fein, aber wirksam: Gegen Israel protestiert man auf dem Campus. Gegen Abu Dhabi protestiert man besser nicht dort, wo das Geld wohnt.

Das ist keine Entschuldigung Israels, keine Relativierung Gazas, kein billiger „Whataboutism“. Es ist der Hinweis auf eine moralische Buchführung, die sich gern universal nennt und erstaunlich genaue Geschäftszeiten hat.

Wer Menschenrechte meint, muss sie überall meinen, auch wenn sie nicht mehr nur zu lang gepflegten Beziehungen im eigenen Lager passen. Wer Antirassismus meint, muss ihn dort meinen, wenn nicht-arabische afrikanische Gemeinschaften wie Masalit, Fur, Zaghawa und Kanabi von arabisch dominierten Milizen und der arabisch dominierten Regierungsarmee verfolgt werden. Wer Antikolonialismus meint, muss ihn dort meinen, wo arabische regionale Mächte Krieg finanzieren und nicht-arabische afrikanische Gemeinschaften zum Ziel ethnischer Säuberungen werden. Sonst ist die Haltung kein Universalismus, sondern eine Art politischer Kundenservice.

Der Sudan zeigt, wie selektive Empörung entsteht. Nicht durch eine geheime Verschwörung, sondern durch Gewohnheit. Gaza ist historisch, moralisch und politisch aufgeladen. Jeder Satz dazu hat ein Publikum, einen Gegner, eine Funktion. Sudan dagegen ist schwerer zu besetzen. Dort kämpfen die sudanesische Armee und die RSF, beide auf Ideologien der arabischen Vorherrschaft basierend, beide mit Verbrechen gegen ethnische, nicht arabische Minderheiten belastet. Hinzu kommen die Vereinigten Arabischen Emirate, Russland, Iran, Saudi-Arabien und andere Interessen. Das ergibt keine gute Parole.

Aber Menschen sterben nicht weniger, weil ihre Mörder schwerer zu erklären sind.

Der Blog ‚Von Tunis nach Teheran‘ schreibt am 11. Mai 2026, Sudan sei kein „vergessener Krieg“. „Vergessen wird nur, was einmal Aufmerksamkeit hatte. Sudan hingegen existiert im westlichen Bewusstsein vor allem als akustische Kulisse humanitärer Hilflosigkeit: Hungersnot, Milizen, Fluchtbewegungen, irgendein UN-Appell. Afrika eben.“ 

Dieser Satz ist bitter, weil er beschreibt, wie eine ganze Weltregion in der westlichen Wahrnehmung zur Sammelmappe wird. Man legt dort alles ab, was schrecklich ist, aber nicht stört.

Die Diplomatie der folgenlosen Sätze

Die internationale Politik hat für solche Fälle eine Sprache erfunden, in der jedes Wort korrekt ist und nichts geschieht. Der Sicherheitsrat ist „zutiefst besorgt“. Die internationale Gemeinschaft „fordert Zugang“. Staaten „bekräftigen“ ihre Verpflichtungen. Am Ende liegt der Text sauber auf dem Tisch und der Krieg geht weiter.

Kristof beschreibt diesen Widerspruch scharf: In den USA herrsche parteiübergreifende Einigkeit, dass im Sudan Völkermord und Hungersnot stattfinden — und offenbar parteiübergreifende Einigkeit, wenig dagegen zu tun. Die Biden-Regierung sei zu passiv gewesen, die Trump-Regierung ebenso. Gleichgültigkeit entsteht nicht immer aus Streit. Sie kann auch Konsens sein.

Die UN erklärte einst eine „Schutzverantwortung“ für Zivilist*innen, die Gräueltaten erleiden. Im Sudan klingt diese Formel wie ein Schild an einer geschlossenen Behörde. Man weiß, was geschieht. Man hat Begriffe, Berichte, Zeugen und Zahlen. Was fehlt, ist nicht Kenntnis, sondern Konsequenz.

Cindy McCain, die Exekutivdirektorin des Welternährungsprogramms, wird bei Kristof mit dem Satz zitiert: „Wir werden daran gehindert, die Hungernden zu erreichen – und dafür angegriffen, dass wir es versuchen.“ Drei Lastwagen mit Nahrungsmittelhilfe seien durch Drohnenangriffe zerstört worden. Das ist die Realität hinter dem Wort „humanitärer Zugang“: Wer Brot bringt, wird beschossen.

Die deutsche Öffentlichkeit übernimmt oft den Ton der Institutionen. Sie nennt das Leid „dramatisch“, die Lage „unübersichtlich“, die Entwicklung „besorgniserregend“. Solche Wörter sind nicht falsch. Aber sie behandeln Gewalt wie Wetterereignisse.

Der Sudan ist kein Naturereignis. Der Krieg wird geführt, finanziert, bewaffnet und blockiert. Menschen hungern, weil Hilfe verhindert wird. Vergewaltigungen als Kriegswaffe sind keine Begleiterscheinung, sondern Methode. Wer das nur humanitär nennt, macht Politik unsichtbar.

Die bequeme Unübersichtlichkeit

Natürlich ist der Sudan kompliziert. Aber Komplexität ist kein Freispruch. Sie verpflichtet zur genaueren Analyse, nicht zur moralischen Abmeldung.

Öffentliche Debatten verlangen einfache Täter, klare Fronten, brauchbare Symbole. Wo diese fehlen, schrumpft die Aufmerksamkeit. Die RSF begehen laut den vorliegenden Artikeln schwerste Verbrechen. Auch die sudanesische Armee steht unter Verdacht, ethnisch motivierte Gewalt zu verantworten. ‚ Von Tunis nach Teheran ‘ verweist auf Recherchen zu Übergriffen auf Kanabi-Gemeinschaften in Al-Jazira und Sennar.

Das erschwert die Parole, nicht die Verurteilung.

Man kann sagen: Die RSF tragen für bestimmte Gräueltaten besondere Verantwortung, ohne die Armee reinzuwaschen. Man kann sagen: Die Rolle der Emirate gehört untersucht und politisch beantwortet. Man kann also denken. Es ist nur anstrengender als Rufen.

Die deutsche Linke müsste gerade darin geübt sein. Sie hat eine lange Tradition, Herrschaft nicht nur dort zu erkennen, wo sie westliche Uniformen trägt. Oder sollte sie haben. Wenn sie aber beim Sudan verstummt, weil der Täter nicht in das bekannte antiimperialistische Theater passt, dann liegt der Fehler nicht beim Sudan.

Dann liegt er im hauseigenen politischen Theater.

Opfer mit und ohne Bühne

Die Frage ist nicht, warum Gaza Aufmerksamkeit bekommt. Diese Aufmerksamkeit kann berechtigt sein. Die Frage ist, warum der Sudan daneben kaum zählt.

Strauss formuliert zugespitzt, das „Leben schwarzer Afrikaner“ rufe nicht dieselbe moralische Dringlichkeit hervor wie das Leben der Palästinenser. Der Artikel „Die unsichtbaren Toten des Sudan“ spricht von einer „Hierarchie des Leidens“. Er beschreibt eine Öffentlichkeit, in der Opfer vor ihrer Wahrnehmung politisch sortiert werden.

Ein totes Kind im Sudan ist nicht weniger tot als ein totes Kind in Gaza. Man muss diesen Satz schreiben, weil die öffentliche Reaktion das Gegenteil nahelegt. Leid konkurriert nicht von selbst. Es wird in Konkurrenz gesetzt. Manche Opfer passen besser zur Selbstbeschreibung derer, die sie beklagen.

Das ist der Punkt, an dem Moral in Milieulogik kippt.

Wer sich über Gaza empört, kann recht haben. Wer über den Sudan schweigt, kann trotzdem versagen. Politische Milieus wählen ihre Themen nicht zufällig. Der Sudan erklärt vielen wenig. Also verlangt er nach einer Erklärung für ihre Lücken.

Der Antirassismus und sein blinder Fleck

Besonders auffällig ist das Schweigen, weil der Sudan genau jene Themen bündelt, die linke Öffentlichkeiten sonst zu Recht ernst nehmen: Rassismus, Kolonialgeschichte, sexualisierte Gewalt, Vertreibung, Hunger, autoritäre Gewalt und internationale Waffenströme.

Die Gewalt richtet sich gegen nicht-arabische schwarze Gruppen wie Masalit, Zaghawa , Fur und Kanabi. ‚ Von Tunis nach Teheran ‘ zitiert Aussagen wie: „Wenn wir Zaghawa finden, werden wir sie alle töten“ und „Wir wollen alles Schwarze aus Darfur tilgen.“ Das benennt Vernichtungsabsicht nicht als Metapher, sondern als Programm.

Ein Antirassismus, der hier nicht reagiert, wird zur Haltung für passende Fälle. Zur Geste, die dort sicher ist, wo sie Applaus bringt.

Gleichgültigkeit entsteht aus Routinen, aus vertrauten Feindbildern und aus dem Unbehagen, das ein Fall erzeugt, wenn er die eigene Karte zerknittert.

Der Sudan zerknittert diese Karte.

Er zeigt arabische Täter, schwarze Opfer, Golfgeld aus den VAR für die RSF und aus Saudi-Arabien für die SAF, westliche Zurückhaltung und eine akademische Öffentlichkeit, die dort besonders mutig ist, wo Mut wenig kostet. Das ist kein Stoff für einfache Reinheit. Es ist Stoff für Analyse. Deshalb bleibt er oft liegen.

Das Geschäft mit der moralischen Sichtbarkeit

Strauss’ Beispiele aus westlichen Universitäten haben eine Bedeutung, die über den Campus hinausgeht. Wenn Institutionen lautstark Verbindungen zu Israel problematisieren, aber ihre Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten kaum antasten, zeigt sich eine politische Ökonomie der Empörung.

Geld beruhigt. Karriere beruhigt. Stiftungen beruhigen.

Man muss nicht behaupten, alle schwiegen aus Gier. Aber man darf fragen, warum moralische Dringlichkeit so oft dort endet, wo institutionelle Interessen beginnen. Der moralische Zeigefinger reist gern, aber nicht immer dorthin, wo die Rechnung bezahlt wird.

Auch Medien folgen solchen Strukturen. Gaza liefert Klicks, Streit und Identifikation. Sudan liefert komplizierte Namen und Opfer ohne feste Adresse im westlichen Bewusstsein. Der Krieg hat, wie er Artikel ‚Die unsichtbaren Toten des Sudan‘ schreibt, keinen „moralischen Marktwert“.

Was heißt hier links?

Was heißt links, wenn es beim Sudan kaum spricht?

Links müsste heißen, Herrschaft nicht nur bei den üblichen Verdächtigen zu suchen. Links müsste heißen, Opfer nicht nach politischer Nützlichkeit zu sortieren. Links müsste heißen, auch dann hinzusehen, wenn der Täter nicht der Westen ist und das Opfer keine symbolische Dividende abwirft.

Das ist kein Ruf nach Ausgewogenheit. Es ist der Ruf nach Konsequenz.

Wer Menschenrechte nur gegen die Feinde des eigenen Milieus verteidigt, verteidigt sein Milieu. Wer „Nie wieder“ sagt, aber beim Sudan nur die Schultern hebt, sollte den Satz ehrlicherweise verkürzen: Nie wieder, soweit es passt.

Die Linke erhebt einen besonderen Anspruch. Darum fällt ihr Schweigen dort besonders auf, wo Unterdrückte keine passenden Unterdrücker haben.

Der Sudan ist ein Testfall für diesen Anspruch.

Die falsche Stille

Was wäre zu tun? Niemand erwartet von deutschen Redaktionen, Parteien oder linken Gruppen, den Krieg im Sudan allein zu beenden. Aber man darf erwarten, dass sie ihn nicht wie eine Naturkatastrophe mit Milizen behandeln. Man darf erwarten, dass sie die Rolle externer Unterstützer benennen. Man darf erwarten, dass sie ihre eigene Aufmerksamkeit prüfen.

Kristof fordert Druck auf die Emirate, humanitäre Hilfe und politische Konsequenz. ‚Von Tunis nach Teheran‘ fordert, die Opfer nicht im Nebel der Komplexität verschwinden zu lassen. Strauss fordert, gegenüber den VAE dieselben Maßstäbe anzulegen wie gegenüber Israel. Das Schweigen ist nicht neutral. Es wirkt.

Es wirkt zugunsten der Täter, der Finanziers und der bequemen Weltbilder.

Der Sudan ist nicht unsichtbar, weil niemand hinsieht. Er ist unsichtbar, weil zu viele ahnen, dass Hinsehen Folgen hätte: für die eigene Sprache, die eigenen Bündnisse und das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Am Ende bleibt eine Frage, die unangenehmer ist als jede Parole: Was ist eine politische Moral wert, die den Völkermord erkennt, aber erst prüft, ob der Täter ins eigene Weltbild passt?

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