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DIE KOLUMNE: Der bequeme Sündenbock

Wie der Mythos vom „importierten Antisemitismus“ die deutsche Mehrheitsgesellschaft entlastet

Es ist eine der erfolgreichsten politischen Erzählungen der letzten Jahre: Antisemitismus – so hört man – sei eigentlich fast überwunden gewesen. Ein Relikt. Ein Restbestand deutscher Geschichte. Dann kamen „die Anderen“. Und mit ihnen kam er zurück.

Das klingt beruhigend. Für alle, die schon hier waren.
Die These vom „importierten Antisemitismus“ hat sich in Talkshows, Leitartikeln und Regierungsstatements festgesetzt wie ein Ohrwurm. Bundeskanzler Merz bediente sie 2025 in einem Interview mit dem US-Sender Fox News. Auf die Frage, was Deutschland gegen Antisemitismus unternehme, erklärte er, man verfolge Straftäter konsequent – und habe „eine Art importierten Antisemitismus mit dieser großen Zahl von Migranten“, die seit 2015 ins Land gekommen seien.
Seither wird das Wort verwendet, als handele es sich um eine Zollware: eingeführt, registriert, zuzuordnen.

Nur: Die empirischen Befunde geben das nicht her.

Eine repräsentative Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) mit 6.295 Befragten – veröffentlicht als Working Paper des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin – kommt zu einem anderen Schluss. Die Autor*innen sprechen von einer „empirisch unhaltbaren“ Vorstellung, Antisemitismus sei ohne Einwanderung nahezu verschwunden gewesen.

Ein Blick in die Daten genügt: Der Aussage „Viele Juden versuchen aus dem Leid im Holocaust heute ihren Vorteil zu ziehen“ stimmen 32 Prozent der muslimischen Befragten zu – aber auch 27 Prozent der potenziellen AfD-Wähler*innen ohne Migrationshintergrund.

Ähnlich bei der erinnerungsabwehrenden Formulierung „Mich nervt es, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“: 28 Prozent Zustimmung sowohl unter Befragten mit muslimischem Hintergrund als auch in der Mehrheitsgesellschaft.

Die Trennlinie verläuft also weniger zwischen Herkunftsgruppen als entlang politischer Überzeugungen.
Das ist keine ideologische Gegenrede. Es sind Zahlen.

Zahlen, die stören

Ja, es gibt erhöhte Zustimmungswerte bei bestimmten Formen antisemitischer Einstellungen unter Befragten mit muslimisch geprägtem Hintergrund. Beim israelbezogenen Antisemitismus etwa liegt die Zustimmung laut Qantara-Interview bei rund 28 Prozent – fast dreimal so hoch wie in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft.
Aber das ist nur die halbe Tabelle.

Der Aussage „Mich nervt es, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“ stimmen 29 Prozent der Befragten mit osteuropäischem Hintergrund zu. Bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es 28 Prozent – ebenso wie unter Befragten mit muslimischem Hintergrund.

In der AfD-Wähler*innenschaft steigt der Wert auf 55 Prozent; nur 13 Prozent lehnen die Aussage ab – der niedrigste Ablehnungswert aller untersuchten Gruppen.

Auch im bürgerlichen Lager ist die Zustimmung kein Randphänomen: 31 Prozent bei CDU/CSU, 37 Prozent bei FDP und Freien Wählern.

Wer hier noch von einem „Import“ spricht, verwechselt Geografie mit Ideologie.

Die Studie zeigt vielmehr: Antisemitische Einstellungen korrelieren stark mit parteipolitischen Präferenzen. AfD-Wähler weisen die höchsten Zustimmungsraten auf – bei klassischem, sekundärem und Israel bezogenem Antisemitismus. Wähler von Grünen und Linken die niedrigsten.

Antisemitismus ist also weniger eine Frage der Herkunft als der Haltung. Das stört das Narrativ. Besonders unerquicklich wird es, wenn man sich den Alltagsantisemitismus ansieht. Die Forscherinnen fragten nach der Bekanntheit des Wortes „Jude“ als Schimpfwort. Ergebnis: Nur 11 Prozent der neu Zugewanderten aus muslimisch geprägten Ländern kannten diese Verwendung aus ihrer Kindheit. Unter Deutschen ohne Migrationsgeschichte sind es 30 Prozent. Unter hier geborenen Befragten mit muslimischem Hintergrund: 42 Prozent.
Das deutet darauf hin, dass solche antisemitischen Sprachmuster möglicherweise eher in Deutschland erlernt als mitgebracht werden, heißt es im Migazin unter Verweis auf die Studie.
Mit anderen Worten: Der Schulhof ist kein Grenzübergang.

Neta-Paulina Wagner formuliert es im Interview mit Qantara noch klarer: Antisemitismus wird zum Teil hier in Deutschland gelernt. Das ist kein Freispruch für niemanden. Aber es ist eine Zumutung für jene, die ihn gern abschieben würden.

Wem nützt also die Importthese?

Erstens verschiebt sie Verantwortung. Das historische Kernland des eliminatorischen Antisemitismus wird zur aufgeklärten Nation, die ein Problem von außen verwalten muss. Die deutsche Geschichte schrumpft zur erledigten Akte.

Zweitens erlaubt sie eine Selbstentlastung. Sekundärer Antisemitismus – also die Abwehr der Erinnerung, das „Schlussstrich“-Denken – wird externalisiert. Wer behauptet, Antisemitismus sei „fast weg“ gewesen, kann sich als geläutert betrachten.

Dabei zeigen die MEMO-Studien der Stiftung EVZ: 25,9 Prozent stimmen der Aussage zu, Juden nutzten die Erinnerung an den Holocaust zu ihrem Vorteil. 38,1 Prozent befürworten einen „Schlussstrich“ unter die NS-Zeit. Das ist keine Importware. Das ist Inventar.

Drittens dient die These der extremen Rechten als Türöffner. Laut Studie findet die Aussage, Antisemitismus sei fast weg gewesen und mit muslimischen Eingewanderten wieder nach Deutschland gekommen, mit 51 % unter AfD-Wähler*innen (ohne Migrationshintergrund) die höchste Zustimmung. (Working Paper „Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland“, Seite 39) gekommen, unter AfD-Wähler:innen (ohne Migrationshintergrund) die höchste Zustimmung. – obwohl gerade in dieser Gruppe hohe Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen gemessen werden.

Die Gleichung ist simpel: Man erklärt sich selbst zur Ausnahme und die anderen zum Problem.

Viertens verschränkt sich das Narrativ mit muslimfeindlichen Ressentiments. Die Autor*innen der TU-Studie stellen eine „sehr starke statistische Korrelation“ zwischen Zustimmung zur Importthese, antisemitischen und muslimfeindlichen Einstellungen fest. Wer laut „Import!“ ruft, ist häufig selbst empfänglich für antisemitische Denkmuster.

Das ist keine Ironie. Das ist Struktur.

Die bequeme Projektion

Das Kulturbüro Dresden nennt den Begriff ein „irreführendes Schlagwort mit weitreichenden Folgen“. Er suggeriert, Antisemitismus sei primär eine Konsequenz von Einwanderung.
Als habe es in Deutschland zuvor nur Goethe, Gartenzwerge und Gedenkstunden gegeben – und nicht seit Jahrzehnten Polizeischutz vor Synagogen. Als sei die Schändung der Kölner Synagoge an Heiligabend 1959 eine Fußnote gewesen. Als begleiteten Friedhofsschändungen nicht die gesamte Geschichte der Bundesrepublik.

Antisemitismus ist hierzulande ein „Evergreen“, wie es in einem zitierten Beitrag heißt. Jahrhundertelang tradiert, religiös grundiert, später rassisch aufgeladen, nationalisiert, nach 1945 sekundär gewendet – kaum eine Ideologie hat sich so wandlungsfähig gezeigt.

Er verschwand am 23. Mai 1949 nicht einfach. Er verändert nur sein Vokabular. Mal spricht er christlich, mal völkisch, mal antiimperialistisch, mal islamistisch. Er wechselt die politischen Räume, nicht seinen Kern.

Wer nun so tut, als beginne das Problem 2015, verkürzt Geschichte zur Entlastungserzählung.
Natürlich gibt es antisemitische Prägungen in bestimmten Herkunftsregionen. Die TU-Studie differenziert nach Aufenthaltsdauer, Religionspraxis, Staatsangehörigkeit. Sie zeigt Heterogenität. Sie verschweigt nichts. Sie relativiert nicht. Aber sie entzieht dem Mythos den Boden. Denn Antisemitismus ist kein statisches Kulturmerkmal. Er ist ein relationales Phänomen, eingebettet in politische Kontexte. Er nimmt die Form an, die ihm gesellschaftlich angeboten wird.

Wenn in Deutschland die Norm lautet, Antisemitismus nicht offen zu äußern, lernt man, ihn anders zu formulieren. Wenn politische Akteure suggerieren, das Problem liege „bei den Migranten“, lernt man, sich selbst nicht zu prüfen.
Besonders aufschlussreich sind die Beobachtungen aus der Bildungsarbeit. „Wir hatten hier noch nie mit Antisemitismus zu tun“, lautet eine der zitierten Aussagen aus der Praxis. Oder: „Ich habe viele muslimische Schüler, ich bin nicht sicher, wie wir den Workshop konfliktfrei durchführen können.“
Hier spricht die Projektion.

Antisemitismus wird ethnisiert, um ihn nicht als gesamtgesellschaftliches Problem behandeln zu müssen. Wer ihn als Spezialproblem einer „anderen“ Gruppe definiert, kann eigene Traditionslinien – vom Verschwörungsmythos bis zur Täter-Opfer-Umkehr – ausblenden.

Das ist bequem. Und riskant.

Denn es produziert ein neues Feindbild: den „antisemitischen Migranten“. Eine Projektionsfläche, auf der sich alte Ressentiments neu sortieren lassen. Antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus treten hier nicht als Gegensätze auf, sondern als Verbündete. Man bekämpft den einen, indem man den anderen bedient.

Es wäre einfach, nun moralisch zu werden. Die Versuchung ist groß. Doch Moral ersetzt keine Analyse. Die empirischen Befunde legen nahe: Wer Antisemitismus ernsthaft bekämpfen will, muss ihn differenziert betrachten. Herkunft spielt eine Rolle – aber nicht die, die das Schlagwort suggeriert. Politische Orientierung, soziale Lage, erinnerungskulturelle Prägungen sind entscheidende Faktoren.

Und vor allem: Die Vorstellung, Deutschland sei ohne Einwanderung nahezu antisemitismusfrei gewesen, ist eine Legende.

Eine Gesellschaft, in der 30 Prozent der Menschen das Wort „Jude“ als Schimpfwort kennen und nutzen und zwar unabhängig von Staatsangehörigkeit und Herkunft , sollte vorsichtig sein mit Grenzmetaphern.

Die Frage ist also nicht: Wer hat ihn gebracht?
Sondern: Wer braucht die Erzählung – und warum gerade jetzt?
Vielleicht, weil sie entlastet. Vielleicht, weil sie Wahlkämpfe vereinfacht. Vielleicht, weil sie erlaubt, Antisemitismus zu ethnisieren statt ihn als das zu begreifen, was er ist: ein historisch gewachsenes, kulturell tradiertes, politisch reaktivierbares Denkmuster.

Antisemitismus lässt sich nicht abschieben, sagte Neta-Paulina Wagner. Er wird hier gelernt. Er wird hier weitergegeben. Und er wird hier verteidigt – manchmal im Namen seiner Bekämpfung.
Die demokratische Zumutung besteht darin, das auszuhalten.
Wer Antisemitismus ethnisiert, entzieht sich der eigenen Geschichte. Wer ihn politisiert, ohne sich selbst zu prüfen, betreibt Ideologie. Und wer ihn bekämpfen will, darf ihn nicht als Fremdkörper behandeln.

Vielleicht beginnt Aufklärung dort, wo man aufhört, die Schuld an der Grenze zu suchen.

Und vielleicht wäre das die eigentliche Zumutung: anzuerkennen, dass die Mitte der Gesellschaft kein Beobachter ist, sondern Teil des Problems.

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