Hebammen unter Druck.
Von den aktuellem Entwicklungen berichtet Marlene Ottinger und zeigt dabei, was es bedeuten kann, Emanzipation und Selbstbestimmung rund um eine Geburt zu untergraben und wie dringend es ist, für Wahlmöglichkeiten und gesellschaftliche Vielfalt aufzustehen (die red.).
Die Aufgabe von Hebammen besteht darin, Frauen zu stärken, ihre Autonomie und Selbstermächtigung zu fördern, ihnen in eine kraftvolle Bindung zu ihrem Kind und zu ihrer Familie zu helfen, ihre körperliche sowie seelische Gesundheit zu wahren und zu verbessern.
Hebammen stellen Familien auch ihr Wissen über einen guten Start in die Eltern-Kind-Beziehung zur Verfügung, um zu persönlichem Glück zu gelangen, besonders aber in dem Bewusstsein, wie entscheidend eine Geburt und die ersten Lebensjahre für die gesunde Entwicklung des Kindes sind.
Durch den neuen Hebammenhilfevertrag, der seit 1.11.25 in Kraft ist, sind besonders die Hebammen unter Druck, die als Beleghebammen freiberuflich in den Kliniken Geburtshilfe leisten. Das betrifft 20% der Hebammen in der BRD und aus historischen Gründen 80% in Bayern.
Die Ursache dafür waren viele kleine geburtshilfliche Krankenhäuser und Stationen, verteilt auf großer Fläche, mit geringen Geburtenzahlen, in denen die Infrastruktur mit angestellten Hebammen nicht finanzierbar war. Ab den 50/60er Jahren wurde die Klinikgeburt von den Kassen bezahlt, galt als sicherer als die bis dahin traditionelle und übliche Hausgeburt. Die bis dahin freiberuflichen Hebammen betreuten die Frauen zur Geburt in der Klinik, davor und danach aber weiter zu Hause. So etabliere sich das Berufsfeld der Beleghebamme, die zwar in die fachliche Hierarchie eigebunden war und ist, was bedeutet, mit Ärzten und Ärztinnen bei Komplikationen zusammenzuarbeiten, sich aber nicht der Hierarchie der Klinikstrukturen und der Pflege unterordnen zu müssen.
Später wechselten auch an größeren Kliniken Teams ins Belegsystem, weil viele darin die Vorteile der Selbstorganisation und Selbstverwaltung sahen und die erbrachte Leistung nicht pauschal nach Tarif, sondern nach Höhe ihres Einsatzes bezahlt wurde. Häufig leisten Beleghebammen weiterhin zusätzlich Vor- und Nachsorge und kommen somit dem Ideal des Betreuungsbogens – Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in vertrauensvoller Beziehung zu einer Hebamme – näher.
Die Vergütung für alle freiberuflichen Hebammen wird durch eine Gebührenordnung geregelt, die drei Hebammen-Verbände mit dem Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) verhandeln. Da diese sich nicht einigen konnten und ihren Klientelinteressen Vorrang gaben, entschied ein Schiedsgericht über den neuen Vertrag, bei dem die Beleghebammen existenzbedrohend benachteiligt wurden.
Der große Hebammen-Verband DHV mit über 20.000 Mitgliedern strebt das alleinige Verhandlungsrecht an, die deutliche Mehrheit der Funktionärinnen arbeitet dort aber entweder angestellt, (mit einem Tarif, den ver.di für sie erkämpft hat,) oder freiberuflich nur in der Vor- und Nachsorge. Deshalb wird bei der Durchsetzung der Verbandsinteressen die freiberufliche Geburtshilfe marginalisiert und tendenziell ausgebremst. Offensichtlich erfährt sie keinerlei besondere Förderung. Auch wenn der DHV dem Schiedsspruch als einziger Verhandlungspartner widerspricht, haben dessen Vertreterinnen dennoch 6 Jahre lang intransparent und zum Nachteil der Beleghebammen verhandelt. Die anderen beiden kleineren Verbände BfHD (Bund freiberuflicher Hebammen Deutschland) und das „Netzwerk der Geburtshäuser e.V.“ vertreten überwiegend die Haus- und Geburtshaushilfe. Sie haben dem Vertrag zugestimmt, weil ihre Interessen zahlenmäßig für die Kassen unbedeutend sind und sie wohl deshalb von der GKV zu ihrem Vorteil berücksichtigt wurden.
Statt nun, nach 8 Jahren Stillstand bei den Gebührenverhandlungen, einen lang erwarteten Inflationsausgleich zu bekommen, wurden die Gebühren für die Tätigkeit in der Klinik zum Entsetzten dieser Berufsgruppe empfindlich gemindert.
Es ist ein existenzieller Angriff auf einen Frauenberuf, der die Versorgung von Frauen und Familien zum Inhalt hat. Dies ist ein weiteres Indiz für das Erstarken reaktionärer, rückwärts gewandter und frauenfeindlicher Strömungen in Politik und Alltag, die unsere Gesellschaft belastet und bedroht.
Wir Hebammen sterben dadurch nicht aus. Es wird weiterhin Hebammen geben. Was aber stirbt, ist Vielfalt, die Selbständigkeit der Hebamme, eine selbstbewusste und frei organisierte berufliche Identität, ein Gegenentwurf zum Angestelltendasein in der Pflege.
Wie schon so viele Hebammen werden sich nun auch die Beleghebammen einreihen müssen in die Fließbandgeburtshilfe der zentralisierten großen Klinken mit Pflegetarif.
Es stirbt wieder einmal eine hochprofilierte engagierte und ganzheitliche Sorgearbeit beinahe lautlos und kaum gesehen mit elementaren Konsequenzen. Es kann auch als Teil des Artensterbens inmitten gesellschaftlicher Vielfalt betrachtet werden. Wer sich innerhalb der Gesellschaft durch den politischen Entzug von Nährboden und ökologischen Nischen nicht anpassen kann, muss leider Aus-sterben. Was und wer allein im materiell-kapitalen Sinne nicht produktiv ist, kann weg, dem darf genommen werden. Warum benötigen wir Zeit und ganzheitliche Betreuung, Wissensvermittlung und umfassende Begleitung bei Geburten? So etwas können wir uns nicht mehr leisten. „Wir können uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten“.
So wie Pflanzen und Tiere verschwinden, können auch Ideen, Systeme, gesellschaftliche Freiräume und Lebensweisen bedroht und unmöglich werden. Wir bedrohen unsere menschliche Existenz, indem wir als Erstes das ausrotten, was man so allgemein unter „Menschlichkeit“ versteht. Begonnen wird dabei mit Menschen, die bereits beeinträchtigt oder benachteiligt sind, dann werden diejenigen unter Druck gesetzt, die sich um diese kümmern, Sorge- und Sozial-arbeitende, Pflegende, Therapeut*innen.
Ein häufig übersehener aber dennoch großer Teil des Aufgabenbereiches von Hebammen ist die Erwachsenenbildung. In deren pädagogischen Mittelpunkt steht die Gesundheits-, Ernährungs- und Sozialberatung in der sensiblen und chancenreichen Umstellungsphase zum Elternsein.
Wenn aber Bildung von Anfang an, als nächstes dann Erzieher*innen und das Schulsystem unter Druck geraten, hat das zur Folge, dass Überforderung zunimmt. Damit wächst die Zahl der Menschen, die nicht mehr vermögen, über ihren eigenen Alltag hinauszusehen.
Sterben gehört zum Leben. Ja. Veränderung und Neuanpassung auch. Aber Tod durch Natur oder Schicksal ist zu unterscheiden von Tod durch Gewalt und systematischer Verdrängung. Wenn das Sterben von Arten zu Einfalt statt zu weiterer Vielfalt führt, zur Wüstenbildung statt zu neuem Leben, dann wird es zerstörerisch auch für die, die noch da sind.
Der Hebammenberuf ist wunderbar ganzheitlich in dem Sinn, dass er hohes medizinisches Fachwissen mit einem psychologischen und sozialen Aufgabenfeld vereint. Kaum eine andere Lebensphase kann so weichenstellend sein, persönliche tiefe Verhaltensmuster ändern, das eigene Weltbild in eine positive und zuversichtliche Richtung entwickeln, wie das Eltern-werden. Durch die hohe Emotionalität und existenzielle Betroffenheit aller Beteiligten steckt in dieser Lebensphase ein Entwicklungspotential, das eine ganze Gesellschaft prägen kann.
Letztlich ist eine angemessene Anerkennung der Arbeit der Hebammen eine Transformations- und Bildungs-Ressource, die, statt sie zu schwächen, viel mehr genutzt und weiterentwickelt werden sollte, übrigens auch zum wirtschaftlichen Vorteil.
Wer hier spart hat nichts begriffen!
Aber selbst Vernunft oder die Perspektive eines langfristigen wirtschaftlichen Gewinns durch Verbesserung der körperlichen sowie seelischen Gesundheit von Eltern und ihren Kindern im sensibelsten Alter, scheint kein überzeugendes Argument zu sein.
In den großen Kliniken mit 2-3000 und mehr Geburten pro Jahr haben einzelne Chefärzt*innen viel Macht, sowie hohen juristischen Druck, geburtshilfliche Leitlinien zu interpretieren und Standards zu entwickeln. Dabei wird gleichzeitig der Spielraum für individuelle Gegebenheiten, Wünsche und Sorgen der Frauen immer kleiner. Bereits jetzt werden mit dem für alle selbstverständlichen und erwünschten Ziel der Sicherheit für Mutter und Kind Interventionen wie Kaiserschnitte und Geburtseinleitungen immer häufiger durchgesetzt. Schwangere, die über ihrem Entbindungstermin sind, werden konfrontiert mit der Frage, ob sie das statistisch höhere Risiko einer Unterversorgung des Kindes im Mutterleib eingehen wollen oder doch lieber einer empfohlenen medikamentösen Einleitung zustimmen.
Was aber passiert bei der Durchsetzung derart entindividualisierter Standards mit den psychischen, pädagogischen, spirituellen und ethischen Aspekten der Geburt? Wie kann die wirkliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper unter einer derart einseitig medizinischen Aufgeklärtheit, Rationalität und Nüchternheit noch stattfinden?
Die Entscheidung für die Intervention scheint einfach und logisch. Jedes Risiko für das Kind soll gesenkt werden. Was passiert dabei aber mit den nicht meß- und statistisch erfassbaren Konsequenzen? Allein dass Schwangere mit statistischen Risiken konfrontiert werden, die eventuell ihr eigenes Körpergefühl und ihre eigenen Vorstellungen von der Geburt, Ihre Wünsche und Hoffnungen völlig in Frage stellen, kann sowohl zur Überforderung und Traumatisierung, wie aber auch zur Erfahrung von Selbstermächtigung durch Aufgeklärtheit führen.
An diesem Beispiel wird sichtbar, wie wichtig hier eine individuelle und höchst sensible Aufklärung ist, die alle persönlichen Aspekte einbezieht, die Vorgeschichte, den Bildungsgrad, einen spirituellen bzw. religiösen Hintergrund, persönliche Werte sowie die Lebenseinstellung.
Und hier wird auch klar, wie wichtig Wahlmöglichkeiten für die Schwangeren sind, um eventuell weitere fachliche Einschätzungen bekommen zu können.
Beim großen Ziel der Einsparungen im Gesundheitswesen, ist es politisch leicht durchzusetzen, bei Hebammen zu beginnen, einer kleinen Berufsgruppe, die in einem Spektrum arbeitet, in dem auch die zu Versorgenden keine Kapazitäten für Aufruhr haben.
Artensterben, das biologische sowie das gesellschaftliche, ist vorerst kaum zu spüren.
Mitgefühl und Verstand wären gefordert, um zu trauern und dagegen anzugehen, ob der verlorenen Vielfalt, aber auch um die Konsequenzen zu begreifen, für uns, die wir (noch?) weiterleben.
Mitgefühl und Verstand für etwas, was nicht sichtbar ist, erfordert noch mehr Energie und Kraft als das, was im Alltag konkret nach uns ruft. Es ist äußerst mühsam, sich von der Überforderung nicht lähmen zu lassen, oder sich von angenehmen Belanglosigkeiten nicht ablenken zu lassen.
Was also können wir, die wir mit jeder Art, die ausstirbt, trauern und ein Stückchen von uns selbst mit ins Grab geben, was können wir, die wir erkennen, dass das Fehlende für uns Konsequenzen hat, in einer Situation mit zunehmender Gewalt und wirtschaftlichem Druck tun?
Die Überforderung ist längst nicht mehr individuell, sondern kollektiv und kann, wenn überhaupt, auch nur kollektiv überwunden und transformiert werden!
Will eine Gemeinschaft des Widerstandes erfolgreich sein, muss sie sich dem extremen Druck anpassen. Aber was daran wäre neu und der immensen Bedrohung angepasst?
Vielleicht das Ende des Sektierertums in den eigenen Reihen?
Wir sollten uns zusammenrotten, zusammenraufen, uns treffen, uns suchen, uns stärken, uns bestärken, Inseln bilden, infiltrieren, zusammen kreativ sein, da sein, uns dem Aussterben widersetzen.
Wir müssen uns verbünden, aber nicht sektiererisch, wir müssen uns verbünden und gleichzeitig offenbleiben!
Unsere Anpassung besteht darin, zu erkennen, dass die Zeiten der eigenen Befindlichkeiten, der eigenen Vorstellung vom besten Weg, des Streites über die beste Ideologie, der besten Partei, die Zeiten des eigenen ideellen Egoismus besonders derzeit keinen Platz haben.
Ohne Reflexion und Erkenntnis über unser eigenes Ausgrenzen können wir uns nicht zusammenschließen! Die von uns geforderte Toleranz und Großzügigkeit muss in der Gemeinschaft des Widerstandes beginnen.
Der Schutz und die Anerkennung von Diversität als Lebensgrundlage, biologische und geistige, gesellschaftliche und menschliche ist unser gemeinsamer Nenner! Unser Banner, unter dem wir uns versammeln und an dem wir uns erkennen.
Dann hätten freie Hebammen eine Chance und gemeinsam mit ihnen alle Gruppen, die derzeit unter Druck stehen.
Marlene Ottinger
geb. 1963 in München, lebt in Grafing bei München und arbeitet seit 36 Jahren als freiberufliche Hebamme. Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Freiberuflichkeit, Hausgeburtshilfe, Freie Hebammenpraxis, , derzeit Beleghebamme in Wasserburg am Inn.
Lokalpolitisches Engagement: 12 Jahre Stadträtin in Grafing für eine Bürgerliste, 6 Jahre Kreisrätin im Landkreis Ebersberg für DIE LINKE.








