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DIE KOLUMNE: Der Antichrist als Geschäftsmodell

Wie Peter Thiel die Apokalypse bemüht, sobald jemand seine Branche regulieren will

Beim Aspen Ideas Festival sagte Peter Thiel, Milliardär, Mitgründer von Palantir und Förderer Donald Trumps, Papst Leo XIV. arbeite „für die chinesischen Kommunisten“. Der Grund: Der Papst spricht sich für internationale Regeln zur künstlichen Intelligenz aus. Das Publikum lachte. Vielleicht, weil man in Aspen längst verstanden hat, dass Milliardäre heute nicht nur Kapital besitzen. Sie liefern die passende Welterklärung gleich mit.

Bemerkenswert ist weniger die Beleidigung des Papstes als die Logik dahinter. Ein Investor, dessen Vermögen mit Überwachungssoftware, militärischer Datenanalyse und staatlichen Aufträgen verbunden ist, erklärt ausgerechnet jene Instanzen zur Bedrohung, die diese Macht begrenzen wollen. Nicht die Apparate machen ihm Angst. Angst macht ihm die Frage, wer sie kontrolliert.

Bei Thiel kommt der Antichrist nicht mit Hörnern, Feuer und Schwefel. Er erscheint als Weltregierung, Bürokratie und internationale Regulierung. Wer KI „entwaffnen“ will, wie Papst Leo XIV. es laut NDTV forderte, schützt in dieser Lesart nicht die Menschenwürde, sondern hilft angeblich dem Gegner im geopolitischen Wettlauf . Theologie wird so zur Schutzfolie für ein Geschäftsmodell.

 

Wenn die Bremse zum Feind wird

Thiels Argument lautet: Eine päpstliche Forderung nach internationaler KI-Aufsicht würde praktisch vor allem den Westen treffen. Chinesische Bürger ließen sich davon kaum beeindrucken, amerikanische vielleicht schon; also schwäche die Enzyklika eine Seite im „Wettlauf zwischen den USA und China“. Aus diesem Gedanken macht Thiel den Sprung zur Spionagefantasie: Leo arbeite für die chinesischen Kommunisten.

Zu Ende gedacht wäre jede freiwillige Begrenzung Verrat, sobald ein Gegner sie nicht übernimmt. Arbeitsrecht, Datenschutz, Rüstungskontrolle: alles verdächtig. Der Westen dürfte dann nur noch das tun, was er am Gegner fürchtet, damit er nicht zurückfällt. Das ist kein Verteidigungsargument. Es ist eine Entlastungsmaschine. Sie erspart der eigenen Seite die Frage, ob eine Technologie politisch wünschbar ist, nur weil sie technisch möglich wurde.

Leo XIV. verbindet KI mit „Menschenwürde, Gerechtigkeit und Arbeit“. Für eine Technologie, die Arbeit ersetzen, Kriege beschleunigen und Verwaltung automatisieren kann, ist das kein radikaler Einwand. Es ist der Anfang jeder ernsthaften Debatte. Für Thiel beginnt genau dort der Verrat am Westen: Wer fragt, wem KI nützt und wem sie schadet, bremst angeblich die eigene Seite aus.

Der rhetorische Trick besteht darin, eine Machtfrage in eine Frontfrage zu verwandeln. Es geht dann nicht mehr darum, wer die Kontrollsysteme kontrolliert. Es geht nur noch darum, ob man für Amerika oder für China steht. Auf diese Weise wird Kritik an privaten Machtzentren zur Illoyalität erklärt. Laut CNN nannte Thiel die Führungskräfte von Palantir „loyale Dissidenten“ und betonte, weder er noch Palantir-Chef Alex Karp hätten eine staatliche Sicherheitsfreigabe . Das klingt nach Rebellion, bis man sich an Palantirs Beziehungen zu Pentagon und ICE erinnert.

 

Der Antichrist trägt Aktenordner

Thiels Beschäftigung mit dem Antichristen kommt nicht aus dem Nichts. Im März hielt er in Rom, nur wenige Schritte vom Vatikan entfernt, eine nichtöffentliche Vortragsreihe über Antichristen, Armageddon und künstliche Intelligenz. Katholische Institutionen gingen auf Abstand, nachdem ihre Nähe zur Veranstaltung öffentlich Thema wurde. The Advocate berichtete, eine katholische Zeitung mit Nähe zum Vatikan habe Thiel als „Agenten des Chaos“ bezeichnet; Theologen kritisierten seine Endzeitdeutung.

Inhaltlich folgt diese Deutung einem klaren Muster. Der Antichrist ist bei Thiel nicht zwingend eine Person. Er kann auch als globales Regierungssystem auftreten, das seine Macht damit rechtfertigt, Schutz vor existenziellen Bedrohungen zu versprechen. 3sat- fasst in der Sendung „Peter Thiels Universum: Wie der Palantir-Gründer die Apokalypse verhindern will.“ die Figur so: Der Antichrist verführe mit falschen Versprechen von Frieden und Sicherheit und führe am Ende in einen durchregulierten globalen Einheitsstaat . Entscheidend ist, wie passgenau Thiel religiöse Begriffe politisch nutzt.

Wer gerät in dieser Erzählung unter Verdacht? Nicht diejenigen, die Überwachungssoftware bauen. Nicht Konzerne, die aus Krieg, Grenze, Kontrolle und Prognose Märkte formen. Verdächtig sind jene, die solche Industrien einhegen wollen: Klimapolitiker, KI-Warner, internationale Organisationen, der Papst. Thiels Antichrist hält keinen Drohnencontroller in der Hand. Er trägt Aktenordner.

Damit verlegt Thiel den Ort der Gefahr. Technologische Kontrolle wirkt harmloser als Kontrolle über Technologie. Der Apparat darf wachsen. Problematisch wird es erst, wenn Parlamente, Kirchen, Gerichte, Universitäten oder multilaterale Institutionen wissen wollen, wohin er wächst und wer daran verdient. Thiels Theologie schützt den Apparat vor dem Einspruch des Menschen.

Peter Thiel, Alexander Dugin, Maximilian Krah benutzen gern einen Uraltbegriff aus der Bibel: „Katechon“.  Der Historiker Volker Weiß erklärte im 3sat-Gespräch den politischen Nutzen des Begriffs „Katechon“: Gerade weil er offen bleibt, lässt er sich auf Instanzen, Institutionen oder Figuren übertragen, die angeblich den Antichristen aufhalten. So kann Macht gegen demokratische Kontrolle abgeschirmt werden. Wolfgang Palaver zog aus der apokalyptischen Gegenwart eine andere Konsequenz als Thiel: mehr globale Zusammenarbeit, stärkeren Multilateralismus, handlungsfähigere Vereinte Nationen und eine stärkere EU . Thiels Antwort laute dagegen technologische Beschleunigung; zum Antichristen würden dann jene Regulierungen, die dieses Tempo stören . Darin liegt der Gegensatz: politische Gestaltung gegen Flucht nach vorn.

 

Die fromme Form der Deregulierung

Auf den ersten Blick wirkt Thiels Denken widersprüchlich. Er warnt vor totaler Kontrolle und verdient an Technologien, die Kontrolle ermöglichen. Er fürchtet eine Weltregierung, arbeitet aber mit Werkzeugen, mit denen Staaten tief in Bevölkerungen hineinsehen können. Er beschreibt den Antichristen als Apparat und steht zugleich im Maschinenraum einer Ordnung, in der Sicherheit, Daten und Macht ineinander übergehen.

Vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Vielleicht ist es die Struktur. Thiel bekämpft nicht die Herrschaft durch Maschinen. Er bekämpft ihre politische Begrenzung. Sein Antichrist ist keine Kritik der Macht, sondern eine Verzerrung: ein Feindbild, das immer dort auftaucht, wo Macht kontrolliert werden soll. Die Überwachung selbst bleibt im Nebel. Scharf gezeichnet werden nur diejenigen, die sie regulieren wollen.

Palantir eignet sich als Prüfstein. Das Unternehmen ist nach den magischen Sehersteinen aus Tolkiens „Herr der Ringe“ benannt. Kritiker erinnern daran, dass die Palantíri gefährliche Instrumente sind. Thiel hält dagegen, am Ende werde ein Palantír auch von den Guten genutzt, etwa von Aragorn im Kampf gegen Sauron. Literarisch ist das nicht völlig falsch. Politisch ist es bequem. In der Wirklichkeit entscheidet nicht Tolkien, wer Aragorn ist. In der Wirklichkeit entscheidet der Vertrag.

Jede Kontrolltechnologie kann im Ausnahmefall helfen. Jede Datenbank kann ein Verbrechen verhindern. Jedes militärische System kann mit Schutz begründet werden. Entscheidend ist deshalb nicht, ob Macht gute Zwecke behaupten kann. Das kann sie fast immer. Entscheidend ist, wer sie kontrolliert, wer an ihr verdient, wer ihr ausgeliefert ist und wer den Preis zahlt, wenn sie irrt. Genau diese Frage verschwindet in Thiels apokalyptischer Sprache. Über Machtverhältnisse wird dann weniger gesprochen als über Endzeit. Über Renditen weniger als über Erlösung. Über die Abhängigkeit des Staates von privaten Datenkonzernen weniger als über den Antichristen.

Auch Thiels Feindbilder folgen dieser Logik. In Aspen warnte er vor einer „demokratisch-sozialistischen Übernahme“ der Demokratischen Partei. Wenn demokratische Sozialisten, katholische Sozialethiker, KI-Regulierer und Klimawarner in derselben Endzeitlandschaft auftauchen, dann deshalb, weil sie dieselbe Grenze berühren: die private Verfügung über gesellschaftliche Zukunft. Sie fragen, ob Märkte alles dürfen, was sie finanzieren können. Sie fragen, ob Technik nur Tempo braucht oder auch Legitimation. Thiels Antwort bleibt schlicht: Wer bremst, hilft dem Feind.

 

Die Apokalypse zahlt Dividende

Der Angriff auf Leo XIV. zeigt, wie empfindlich die neue Rechte des Silicon Valley auf moralische Einhegung reagiert, sobald sie nicht aus dem eigenen Lager kommt. Der Papst spricht über Menschenwürde, Arbeit und Gerechtigkeit. Thiel antwortet mit China. Der Papst fordert, KI müsse „entwaffnet“ werden. Thiel deutet das als geopolitische Dienstleistung für Peking. Der Papst denkt in Grenzen. Thiel denkt in Fronten.

Natürlich lässt sich über päpstliche KI-Politik streiten. Internationale Regulierung ist schwierig und oft inkonsequent. Daraus folgt aber nicht, dass demokratische oder ethische Begrenzung selbst autoritär wäre. Wer Machtkonzentration fürchtet, müsste Regulierung ernst nehmen, statt sie als Weltverschwörung abzustempeln. Thiel macht das Gegenteil. Er nimmt die reale Gefahr technologisch vermittelter Herrschaft und verschiebt sie auf jene Institutionen, die Herrschaft begrenzen könnten.

Palantir und ähnliche Unternehmen verkaufen nicht einfach Software. Sie verkaufen Staaten eine Art zu sehen: Mustererkennung, Risikoprofile, Datenintegration. Wer solche Systeme baut, greift in die Infrastruktur politischer Wahrnehmung ein. Die Kontrollindustrie privatisiert damit ein Stück Urteilskraft. Thiel kann sich als Gegner eines zentralisierten „tiefen Staates“ darstellen und zugleich von dessen Aufträgen leben. In Aspen sagte er, der Einfluss der Technologiekonzerne sei eines der „wirklich gesunden Dinge“ an den USA, weil die Machtzentren verteilt seien. Das klingt pluralistisch, solange man nicht fragt, wie diese Machtzentren entstehen. Durch Wahlen jedenfalls nicht. Durch öffentliche Rechenschaft nur selten.

Verteilte Macht ist noch keine demokratische Macht. Auch der Feudalismus war verteilt. Die heutige Variante will den Staat nicht loswerden. Sie will ihn als Kunden, Schutzmacht und Datenquelle. Den demokratischen Staat, der kontrolliert, begrenzt und besteuert, hält sie dagegen für eine schlechte KI. Thiel verglich die EU laut CNN mit „Rechtsstaatlichkeit“ und sagte, sie sei „wie eine schlechte KI“ . Genau darin liegt allerdings der Sinn des Rechtsstaats: Er hält jene auf, die Effizienz mit Gehorsam verwechseln.

Im 3sat-Transkript formuliert Palaver den entscheidenden Einwand: Thiel setze angesichts der Krisen auf technologische Beschleunigung, etwa gegen Demenz, Krebs und für ein längeres Leben. Die theologische Frage sei jedoch, ob dieses Programm für alle gedacht werden könne oder ob am Ende nur „2000 Tech Bros 150 werden und andere Menschen keine Antibiotika“ haben. Fortschritt ist nicht falsch, weil er Fortschritt ist. Falsch wird er dort, wo Erlösung für wenige als Zukunft der Menschheit verkauft wird.

Die Gefahren, vor denen Thiel warnt, sind nicht frei erfunden. KI kann Macht zentralisieren. Institutionen können technokratisch werden. Sicherheitsversprechen können ins Autoritäre kippen. Gerade deshalb braucht es Kontrolle. Thiels Pointe dreht diese Einsicht jedoch gegen sich selbst: Weil Kontrolle gefährlich werden kann, soll die Kontrollindustrie möglichst ungestört bleiben. Weil Weltregierung droht, sollen globale Konzerne weniger behelligt werden.

Das ist keine Skepsis gegenüber Macht. Es ist ein Kampf um Macht. Am Ende steht eine Figur des neuen politischen Kapitalismus: der Milliardär als Prophet, die Bilanz als Apokalypseprotokoll. Er warnt vor totaler Herrschaft und liefert Werkzeuge, mit denen sie sehr irdisch organisiert werden kann. Er denunziert den Papst als chinesischen Agenten, weil dieser den Westen daran erinnert, dass technische Überlegenheit ohne moralische Grenze noch kein Beweis von Freiheit ist.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Witz von Aspen: Das Lachen galt, ohne es zu merken, einer Epoche, in der Kapitalinteressen Bibelzitate tragen wie andere Leute Manschettenknöpfe. Es entlarvte die Macht nicht. Es begleitete sie.

Die offene Frage lautet deshalb nicht, ob Peter Thiel an den Antichristen glaubt. Wichtiger ist, warum so viele Institutionen einem Mann zuhören, der den Antichristen immer dort vermutet, wo jemand seine Branche an die Leine nehmen will.

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