Was die fremdenfeindliche Gewalt im Südafrika nach der Apartheid über die Grenzen unseres Antirassismus verrät
Wer in Deutschland Südafrika sagt, bekommt meist eine fertige Bilderserie geliefert: Mandela, 1994, die ersten freien Wahlen, Wahrheits- und Versöhnungskommission, Regenbogen über den Ruinen der Apartheid. In der europäischen Erinnerung ist Südafrika gern die große Erzählung vom geglückten Übergang: ein Land, das gezeigt habe, wie selbst ein brutal verankertes System staatlicher Entrechtung ohne Bürgerkrieg überwunden werden könne.
Das stimmt nicht einfach nicht. Es stimmt nur nicht genug.
Neben dieser Erfolgsgeschichte läuft seit Jahrzehnten eine andere, weniger brauchbar für Festreden. Sie handelt von Menschen aus Simbabwe, Mosambik, Malawi, Nigeria, Somalia oder Äthiopien, die im demokratischen Südafrika beschimpft, gejagt, vertrieben und getötet werden. Seit dem Ende der Apartheid hat es immer wieder fremdenfeindliche Angriffe gegeben. Nach Angaben von Xenowatch starben zwischen 1994 und März 2024 mindestens 669 Menschen; 5.310 Geschäfte wurden geplündert, 127.572 Menschen vertrieben. Fremdenfeindlichkeit ist damit kein Betriebsunfall der jungen Demokratie. Sie gehört zu ihren hartnäckigsten sozialen Konflikten.
Außerhalb Südafrikas bleibt davon erstaunlich wenig hängen. In Europa wird viel über Rassismus, Diskriminierung und Ausschluss gesprochen. Die Gewalt gegen afrikanische Migranten in Südafrika aber wird oft als lokaler Sonderfall abgelegt: bedauerlich, kompliziert, weit weg. Man liest von Plünderungen, Protestmärschen, Ausschreitungen. Selten wird daraus eine ernsthafte Frage nach dem, was Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch dann sind, wenn sie nicht in das gewohnte Lehrbuchbild passen.
Vielleicht liegt genau dort das Problem. Diese Geschichte stört die bequeme Rollenverteilung. Sie liefert keine einfache Bühne mit historischen Tätern hier und historischen Opfern dort. Sie zwingt dazu, genauer hinzusehen.
Die Gewalt, über die kaum gesprochen wird
Fremdenfeindliche Gewalt im Südafrika nach der Apartheid ist nicht neu, und sie fällt nicht vom Himmel. Schon in den späten neunziger Jahren kam es zu schweren Übergriffen auf Migranten. Weltweit sichtbar wurde sie 2008. Damals begann die Gewalt im Johannesburger Township Alexandra und griff rasch auf andere Landesteile über. Mehr als sechzig Menschen wurden getötet, über 100.000 mussten Wohnungen und Gemeinden verlassen.
Das war kein einmaliger Ausbruch, nach dem die Gesellschaft zur Besinnung kam. Weitere Wellen folgten 2015, 2019 und später. Noch 2026 berichteten Migranten internationalen Medien von einem Alltag der Angst. Viele sagten, selbst ein legaler Aufenthaltsstatus schütze nicht vor Angriffen. In manchen Gegenden suchten Hunderte Schutz in öffentlichen Gebäuden, während mehrere Herkunftsstaaten begannen, die Rückführung ihrer Bürger zu organisieren.
Die Gewalt trifft nicht nur Körper. Sie trifft Existenzen. Läden werden ausgeräumt, Marktstände zerstört, Wohnungen angegriffen. Manchmal reicht der Verdacht, jemand sei „nicht von hier“. Aus Herkunft wird Schuld, aus Akzent Gefahr, aus Armut ein Beweisstück.
Auffällig ist: Täter und Opfer sind äußerlich oft kaum zu unterscheiden. Viele gehören jener schwarzen Bevölkerungsmehrheit an, die unter der Apartheid selbst entrechtet wurde. Die Grenze verläuft hier nicht zwischen Schwarz und Weiß. Sie verläuft zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“. Wer aus Simbabwe kommt, aus Mosambik oder Nigeria, kann zum Außenseiter erklärt werden. Das abwertende Wort „Kwerekwere“ dient dabei als kleines sprachliches Messer, mit dem Zugehörigkeit aufgeschlitzt wird.
Südafrika zeigt damit etwas, das im antirassistischen Gespräch gern übersehen wird. Rassismus beginnt nicht erst dort, wo Biologie gepredigt wird. Er beginnt, wo Menschen zu Gruppen gemacht, mit Eigenschaften belegt und als Bedrohung behandelt werden. Die Etiketten wechseln. Die Logik bleibt.
Warum diese Geschichte viele Antirassistinnen und Antirassisten irritiert
Antirassismus ist nicht die Kunst, rassistische Kategorien sprachlich zu entsorgen, während sie praktisch weiterarbeiten. Er müsste Macht und Gewalt kenntlich machen, gleichgültig, wer sie ausübt. Genau deshalb wird Südafrika unbequem.
In Europa ist man inzwischen geübt darin, weißen und westlichen Rassismus zu erkennen. Dafür gibt es Gründe, und sie sind schwer genug: Kolonialismus, Sklaverei, Segregation, Apartheid. Diese Sensibilität war nötig. Aber sie produziert mitunter eine neue Blindheit. Sobald ethnische Ausgrenzung nicht von den vertrauten Akteuren ausgeht, wird das Urteil weich. Plötzlich ist alles Kontext, alles Struktur, alles nicht so einfach.
Natürlich gibt es diesen Kontext. Soziale Not, ökonomische Konkurrenz, historische Traumata, enttäuschte Hoffnungen. Niemand, der Südafrika ernsthaft betrachtet, kann das wegwischen. Gefährlich wird es dort, wo Erklärung zur Entschuldigung herabsinkt.
Denn die Sätze, mit denen in Südafrika gegen Migranten Stimmung gemacht wird, sind nicht originell. Ausländer nähmen Jobs weg. Ausländer belasteten Schulen, Kliniken, Verwaltung. Ausländer brächten Kriminalität. Ausländer zersetzten die nationale Gemeinschaft. Man kennt das Repertoire. Es gehört zum Standardbesteck fremdenfeindlicher Politik.
Vielleicht schmerzt gerade das. Man erkennt das Muster sofort, will es aber nicht immer erkennen. Antirassismus verliert seinen Anspruch, wenn er nur dort scharf sieht, wo der Täter zur gewohnten Illustration passt.
Die sozialen Ursachen der Eskalation
Mit moralischer Empörung allein ist nichts erklärt. Die entscheidende Frage lautet: Warum findet diese Gewalt Zustimmung, Duldung, Resonanz?
Die Antwort beginnt bei den Verhältnissen. Südafrika zählt weiterhin zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt. Arbeitslosigkeit, Armut und Unsicherheit prägen das Leben vieler Menschen. Die großen Erwartungen von 1994 haben sich für einen erheblichen Teil der Bevölkerung nicht erfüllt. Die Forschung verweist seit Jahren auf den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Not, sozialer Frustration und fremdenfeindlicher Mobilisierung.
Doch Not hat keine eingebaute Adresse. Sie erklärt nicht von selbst, warum die Wut sich gegen Migranten richtet. Dafür braucht es Politik. Wer keine Arbeit findet, könnte fragen, warum die Wirtschaft versagt, warum Korruption fortbesteht, warum Eliten ihre Versprechen brechen. Bequemer ist es, auf jene zu zeigen, die weniger Macht haben und sich schlechter wehren können.
Genau so funktionieren viele Debatten über Migration in Südafrika. Studien dokumentieren, dass politische Akteure und Amtsträger immer wieder Erzählungen verbreitet haben, die Ausländer für soziale Missstände verantwortlich machen. Berichte zeigen außerdem, dass fremdenfeindliche Aussagen prominenter Politiker solchen Haltungen zusätzliche Legitimation verschaffen können.
Während der COVID-19-Pandemie trat das besonders offen zutage. Migranten wurden nach Darstellung der zitierten Forschung nicht nur von staatlichen Hilfen ausgeschlossen, sondern zugleich stärker als Gefahr für Gesundheit, Arbeitsplätze und öffentliche Sicherheit markiert. Bewegungen wie „Put South Africans First“ und „Operation Dudula“ nutzten soziale Medien, um Kampagnen gegen Einwanderer zu organisieren.
Antimigrantenkampagnen treten in Südafrika inzwischen gern im Kostüm des Gemeinsinns auf. Sie reden von Schutz, Ordnung, Sicherheit. Protestierende erklären ihre Aktionen zur Antwort auf Kriminalität, Arbeitslosigkeit und den Verfall öffentlicher Dienste. Ihre Anführer behaupten, schwache Grenzkontrollen, lasche Einwanderungspolitik und undokumentierte Migranten hätten die Lage in den Gemeinden verschlechtert.
So wird aus Ausgrenzung Gemeindepflege. Aus Einschüchterung wird „Säuberung“. Aus Selbstjustiz wird angeblicher Schutz der Bevölkerung. Die demokratische Sprache liefert die saubere Verpackung für eine schmutzige Praxis: Migranten werden zu Fremdkörpern erklärt, deren Entfernung als Dienst an der Allgemeinheit erscheinen soll. Wo diese Logik greift, sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt.
Nach Angaben im Text entstand 2024 in Durban die Gruppe „March and March“. Sie organisierte sogenannte Säuberungsaktionen, mit denen die Stadt und schließlich das Land von „illegalen Ausländern“ befreit werden sollten. Im Zuge solcher Kampagnen nahmen Demonstranten Straßenhändler eigenmächtig fest, wenn sie sie verdächtigten, keine gültigen Papiere zu besitzen. Geschäfte mutmaßlicher Ausländer wurden geschlossen.
Besonders brisant ist die von der Gruppe gesetzte Frist: Bis zum 30. Juni 2026 sollen Migranten ohne gültige Dokumente Südafrika verlassen. Je näher dieses Datum rückt, desto stärker droht sich die fremdenfeindliche Mobilisierung im Land zu verdichten. Gerade hier zeigt sich, wie schnell politische Parolen in praktische Verfolgung übergehen können.
Das ist keine südafrikanische Spezialität. Die Mechanik ist weltweit bekannt. Aber in Südafrika hat sie eine besondere Bitterkeit, weil sie in einer Gesellschaft wirkt, deren eigene Geschichte aus Entrechtung, Demütigung und staatlich verwalteter Ausgrenzung besteht.
Der Verrat an der eigenen Befreiungsgeschichte
Der schärfste Widerspruch liegt vielleicht in der Erinnerung des Landes. Der Kampf gegen die Apartheid war nie nur eine nationale Angelegenheit. Viele afrikanische Staaten unterstützten die südafrikanische Befreiungsbewegung über Jahrzehnte. Sie boten Exil, Ausbildung, materielle Hilfe und politische Rückendeckung. Sie gingen dafür Risiken ein.
Heute werden Menschen aus eben jenen Ländern angegriffen. Bürger aus Mosambik, Simbabwe, Sambia und anderen Nachbarstaaten, deren Regierungen und Gesellschaften einst mit dem südafrikanischen Freiheitskampf verbunden waren, stehen nun selbst im Visier.
Das ist mehr als eine bittere Pointe der Geschichte. Es berührt den Kern dessen, was Versöhnung bedeuten soll. Versöhnung heißt nicht, vergangenes Unrecht feierlich zu erwähnen und danach zur Tagesordnung überzugehen. Sie müsste Folgen haben. Auch für die Gegenwart.
Die Apartheid war ein System der Entmenschlichung. Menschen wurden sortiert, entrechtet, aus der politischen Gemeinschaft gedrängt. Deshalb ist es so verstörend, wenn heute neue Formen des Ausschlusses entstehen, die nach derselben Grammatik funktionieren. Andere Wörter, andere Feindbilder, doch der Satzbau der Verachtung bleibt erkennbar.
Was Südafrika über Rassismus lehrt
Die wichtigste Lehre betrifft nicht nur Südafrika. Sie betrifft jede Gesellschaft, die über Zugehörigkeit, Identität und Ausschluss redet.
Südafrika zeigt, wie allgemein die Versuchung ist, Sündenböcke zu schaffen. Sie gehört keiner Hautfarbe und keiner Kultur allein. Sie entsteht, wenn soziale Unsicherheit auf politische Vereinfachung trifft. Menschen suchen Gründe für ihr Elend. Bewegungen liefern Schuldige. Aus Krisen werden Parolen, aus Nachbarn Kategorien, aus Kategorien Feinde.
Gerade deshalb sollte diese Geschichte auch Europa interessieren. Nicht weil die Verhältnisse identisch wären. Sondern weil die Muster vertraut sind. Die Bereitschaft, gesellschaftliche Probleme auf bestimmte Gruppen abzuladen, ist eine der zuverlässigsten Versuchungen moderner Politik.
Die Glaubwürdigkeit antirassistischer Prinzipien entscheidet sich nicht in den bequemen Fällen. Sie entscheidet sich dort, wo die Wirklichkeit die Schablonen ruiniert. Wer gegen Ausgrenzung ist, muss dieselben Maßstäbe anlegen, auch wenn Täter und Opfer nicht in die gewohnte politische Ordnung passen.
Die Gewalt gegen Migranten in Südafrika ist daher kein bloß südafrikanisches Problem. Sie ist ein Spiegel. Sie zeigt, wie rasch Gesellschaften Menschen zu Fremden erklären. Wie leicht ökonomische Angst in ethnischen Hass übersetzt wird. Und wie wenig die Rede von der Würde des Menschen wert ist, wenn sie nur dort gilt, wo sie nichts kostet.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion. Rassismus erkennt man leicht, wenn er aussieht wie im Geschichtsbuch. Schwieriger wird es, wenn er anders auftritt, mit anderen Stimmen, anderen Parolen, anderen Tätern. Genau dann zeigt sich, ob Antirassismus ein Prinzip ist oder nur eine Gewohnheit.






