Tunesien erlebt gerade einen Zusammenbruch der existenzsichernden Infrastruktur. Energie, Trinkwasser, Hitzeschutz, Medikamente, Mehl sind rare und zu Teil schon länger umkämpfte Güter.
Die Hitzewellen, Brände und der anschließende Starkregen dieses Sommers, die Europäerinnen und Europäer zumeist mit Spanien assoziieren, führten südlich der Mittelmeeres nicht nur zu tagelang anhaltenden Temperaturrekorden von über 45 Grad in vielen Regionen, insbesondere in Algerien und Tunesien. Sie stellen überforderte Verwaltungen, Behörden, staatliche Unternehmen, Ministerien, die abgetaucht sind, tatenlose Politikerinnen und Präsidenten bloß. Nur haben die Menschen derart viele Alltagsprobleme zu bewältigen, dass diese Adressaten wenig im Fokus ihrer, von Nachbarschaftshilfe geprägten, Überlebensstrategien stehen.
Auch jenseits dieser Extremsituationen ersetzt der Familienzusammenhalt ein weitgehend fehlendes Sozialsystem, Religion strukturiert einen gemeinschaftlichen Wertehorizont. Politisches Vertrauen ist nicht alltäglich, aber auch wenig relevant, um über die Runden zu kommen. Wer in diesen Strukturen nicht leben kann und will, hat es nicht einfach. 52 % der jungen Menschen in Tunesien denken, zumindest zeitweilig, daran, das Land zu verlassen.
Angesichts dieses Sommers tönt es vom Präsidenten:
«Wir werden nicht hinnehmen, dass Agenten im Auftrag der Feinde Tunesiens versuchen, das Land ins Chaos zu stürzen», kommentierte er die Versorgungsnöte und drohte mit militärischer Gewalt: «Sabotage wird nicht akzeptiert, die Armee ist einsatzbereit.»
Damit bekommen die, seit vielen Wochen, unter extremen Hitzewellen, Stromausfälle und Wasserknappheit leidenden Tunesierinnen und Tunesier obendrauf noch völlig unnötig Verschwörungstheorien statt politisches Handeln in dramatischen Krisen geliefert. Sicherlich hat insbesondere die Wasserknappheit manch kriminelle Energie. Der Staat selbst griff auf der Ebene des Mundraubs ein und begann die Wassertransporter zu den Supermärkten zu überwachen, weil Menschen verzweifelt und wütend sich auf die Lieferungen stürzten, bevor sie die Regale erreichten. Solche Art Überlebenskampf gelangte natürlich schnell in die sozialen Medien. Doch das stille Leiden von Menschen, die z. B. auf ein Sauerstoffgerät angewiesen sind und wegen der unangekündigten Stromausfälle nicht rechtzeitig ein Krankenhaus erreichten, blieb verborgen. Viele Familien waren durch nötige Hilfe bei Nachbarn zusätzlich belastet, während sie ohnehin oft dem eigenen Vieh beim Sterben zusahen, Kühlschrankinhalte hastig verarbeiteten oder gar entsorgen mussten.
Den familiären Blickwinkel verlassend, galt Vergleichbares für kleinere Betriebe, Restaurants, Lebensmittelhersteller, einfachere Hotels und natürlich allen strom- und wasserintensiven Unternehmen. Produktionsstillstand war da wohl das geringste Übel.
Manch Tourist, dessen Kühlung ausfiel, reiste ab. Die wirtschaftlichen Folgen sind immens. Der Ruin mancher Unternehmen manifest. Nach der Corona-Flaute im Tourismus, von der sich das Land allmählich erholt hatte, kündigt sich nun eine viel dramatischere Dauerkrise rund um einen der Haupteinnahme-Branchen Tunesiens an. Tunesien bietet noch immer einen ausgesprochen preiswerten Pauschaltourismus an, obwohl die Beschäftigten in der Branche von ihren Löhnen kaum überleben können.
Der aktuellen Hitzekrise folgt außerdem eine spürbare Inflation. Die Lebensmittelpreise steigen sprunghaft. Mehl findet man nur selten im normalen Supermarkt. Das Hamstern des Trinkwassers hält an, obwohl die entsprechenden Behörden nicht müde werden zu verkünden, dass die Produktion den angespannten Bedarf decken würde. Wer einen Süßwasserbrunnen auf seinem Grundstück hat, hat gute Karten und versorgt, so die Pumpe Strom hat, Freunde und Nachbarn mit dem kostbaren Gut.
Manch einer wünscht den Langzeitherrscher Ben Ali zurück, da hätte wenigsten infrastrukturell noch alles funktioniert. Real hat ich nur bisher genau an dieser Stelle wenig geändert, nur die Auswirkungen der Klimakrise, der Massentourismus, der selbst ein Treiber des kippenden Klimas ist, machen das jahrelang verschleppte Dilemma nicht getätigter Investitionen, verschleppter Bauprojekte und konzeptionsloser Energiepolitik von Tag zu Tag offensichtlicher
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Die Stromversorgung liegt schon länger als es der aktuelle Hitzesommer anzeigt beinahe ein Drittel unterm Verbrauch, der selbst alljährlich steigt. Vor allem in den Sommermonaten, wenn viele in Europa lebenden Tunesierinnen und Tunesier ihre Familien besuchen und die Kühlanlagen nicht nur in den touristischen Hochburgen auf Hochtouren und Dauerbetrieb laufen, gab es schon immer kurz Abschaltungen, Lastabwürfe, um das alte System zu stabilisieren. Investitionen in ein modernes Stromnetz, genau wie eine Überholung der maroden Wasserleitungen bleiben seit Jahren auf der Strecke. Wasserabschaltungen waren auch in den vergangenen Jahren für die „normal Sterblichen“ jenseits der „touristischen Zonen“ in den Sommernächten normal.
Ingesamt, so könnte man zuerst einwenden, ist es wenig nachvollziehbar, dass ein Land mit über 1000 Kilometer Küste und mehr als 300 Sonnentagen im Jahr zu über 90 % von algerischem Gas abhängig ist, und viel zu wenig Meerentsalzungsanlagen besitzt. Überdies hatte Algerien mit der diesjährigen Hitzewelle selbst genug Probleme und seit dem Ukraine-Krieg sind auch die Europäischen Länder dankbare Abnehmer des algerischen Gases.
Man ist geneigt, schnell nach dem neuen Politikschlager der Klimaanpassung zu rufen, angesichts der aktuellen tunesischen Krisensituation. Und ganz sicher wäre da stadt- und landschaftsplanerisch und vor allem energiepolitisch einiges möglich von Schatteninseln bis zum, nun seit wenigen Wochen, erlaubten Speichern der noch mager genutzten privaten Solarenergie mit Batterien.
Vertraut man bei der generellen Lösung Allah oder der Politik ist irgendwie aktuell die falsche Frage. Tunesien zeigt ziemlich brachial, dass Klimaanpassung keines der Probleme unseres Zusammenlebens in Zukunft lösen wird, sondern tatsächlich der Klimaschutz als Ganzes wieder auf die Agenda gehört, der schnelle Weg zu einer solaren Energiebasis, die Reduktion von Treibhausgasen und vieles andere mehr, was in den Jahren der länderübergreifenden Green Deals noch in aller Munde war, bevor die Potentaten in Moskau die Ukraine angriffen, Trump aus dem Pariser Klimaabkommen ausstieg, die EU ihren Green Deal unter Wettbewerb und Aufrüstung unterpflügte oder der Iran die Straße von Hormus als erfolgreiche Waffe gegen einen von Trump diktierten internationalen Handel entdeckte.
Der Backlash in der internationalen und europäischen Klimapolitik ist an anderen Orten, an denen der Klimaschutz noch in den Kinderschuhen steckt, besonders spürbar, produziert immer mehr durchaus unfreiwillige Migration, denn es geht oft nur noch darum, tatsächlich existenziellen Nöten zu entfliehen. Die Braindrain-Politik der Ankunftsländer für Fachkräfte verstärkt den Effekt, dass sich wie in Tunesien kaum etwas zum Guten ändern kann, weil Menschen fehlen, die vor Ort anpacken, Ingenieure wie Pflegekräfte.
Tunesierinnen und Tunesier nehmen durchaus die politischen Verschiebungen in der europäischen Politik wahr. Rechtsruck, zuerst in Italien und Frankreich, und die EU-Migratonspolitik hinterlassen viele Fragen und kaum Antworten, wie unsere Welt solidarisch zusammenleben will. Von der Suche nach einem besseren Leben wird diese neue Welt(un)ordnung jedoch niemanden abhalten, egal wie hoch der Preis ist. Die subkutanen Folgen dieser Art Abwanderungsgesellschaft sind traumatisch. Geht man in Tunesien an den Strand und kommt beim nächtlichen Angeln mit den Einheimischen ins Gespräch, so erfährt man schnell, das jede und jeder jemanden in der Familie, bei den Nachbarn oder ehemaligen Kolleginnen und Kollegen kennt, der oder die die Suche nach einer besseren Welt nicht überlebt haben. Sie gingen oft heimlich, um ihre Familien nicht zu ängstigen und hinterließen dann eine Lücke, die man kaum heilen kann. Dabei ist dieses Land selbst so oft Sehnsuchtsort von Malern aus Europa gewesen, ist beispielhaft im Zusammenleben von Muslimen und Juden auf der kleinen Inseln Djerba auch wenn die große Politik darüber lieber schweigt. Doch das Jahrtausende Zusammenleben verschiedner Kulturen hat sich auch in der Küche manifestiert. Shakshuka gilt schon lange als tunesische Spezialität neben dem unverzichtbaren Couscous. Tunesien hat ein irrsinnig reiches historisches Erbe, das sich nicht nur in den Überreste Karthagos erschöpft, und eine lebendige Kultur, die Jahr für Jahr viele begeistert, ob in kleinen Festivals an vielen Orten oder dem Graffiti-Treffen in dem Künstlerdorf Erriadh.
Perspektivwechsel sind, um Klimapolitik in Gänze wieder auf die Tagesordnung zu setzen, hilfreich, denn ohne die ganze Packung, den Klimawandel in den Griff zu bekommen, werden wir unsere Zukunft verspielen. Ganz praktisch. Denn eine Klimaanpassung an Temperaturspitzen von 50 Grad ist wie ein Irrweg, der zusätzlich Ressourcen für den dringenden Stopp des Klimawandels verschlingt. So schreibt Lars Fischer zugespitzt in seinem kurze Artikel – Anpassung wird uns nicht retten –
„Klimaschutz ist teuer? Klimaschutz ist kompliziert? Wer das denkt, wird beim Versuch der Anpassung an den fortschreitenden Klimawandel eine böse Überraschung erleben. Denn die Treibhausgase zu reduzieren, war der einfache Ansatz, mit den steigenden globalen Temperaturen umzugehen. Um eine Gesellschaft an eine andere, wärmere Welt anzupassen, sind umfassendere, großflächigere und länger anhaltende Maßnahmen erforderlich, als zur Reduktion von Kohlendioxid nötig wären. Setzt sich der Klimawandel fort, betrifft er nahezu alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft, wirkt Jahrzehnte in die Zukunft – und das oft in unvorhergesehener Weise. Und damit macht die Blockade beim Klimaschutz auch die nun als Lückenfüller angebotene Anpassung zur bloßen Augenwischerei.“
geb. 1960, Kulturwissenschaftlerin, Autorin, war beim Komitee für Unterhaltungskunst der DDR, in vielen Berliner Kulturprojekten und nach den 00er Jahren als politische Mitarbeiterin bei der PDS und der LINKEN, in der Partei und bei Abgeordneten beschäftigt, davon 10 Jahre in Brüssel. Schwerpunkte: Kultur- und Medienpolitik, sowie Europapolitik.







