Warum der internationale Nationalismus an seiner eigenen Logik scheitert, am Beispiel von AfD und Rassemblement National (RN)
Nationalisten reisen neuerdings gern mit Anschlussflug.
Sie sprechen von Vaterland, Souveränität und Selbstbehauptung – und suchen die Beglaubigung ihrer Mission in Washington. Sie klagen über „Einmischung von außen“ – und hoffen auf ein wohlwollendes Wort aus dem Weißen Haus. Das ist kein Betriebsunfall, das ist System. Und es ist der Moment, in dem sich der strukturelle Webfehler des internationalen Nationalismus zeigt: Wer nationale Unabhängigkeit predigt, sollte nicht gleichzeitig am Rockzipfel einer fremden Macht hängen.
Donald Trump hat diese Spannung nicht erfunden. Aber er verschärft sie. Seine Drohungen gegen Dänemark wegen Grönland, seine Ankündigung zusätzlicher Zölle gegen europäische Staaten, die Militärpersonal entsandt hatten, sein Gerede von Annexionen – all das zwingt Europas Rechte zur Entscheidung: Mitjubeln oder Abstand halten.
Und plötzlich wirkt die viel beschworene „patriotische Internationale“ erstaunlich zerbrechlich.
Die AfD und das Prinzip Washington
Der Economist schildert, wie selbst Jordan Bardella, Vorsitzender des französischen RN, Trumps Drohungen gegen die dänische Souveränität als „inakzeptabel“ bezeichnete. „Kommerzielle Erpressung ist ebenso unerträglich“, sagte er. Das klingt nach UNO-Vollversammlung, nicht nach MAGA-Kongress.
Noch vor kurzem ließen sich Bardella und andere europäische Nationalisten von Trumps Mischung aus Migrationsfeindlichkeit, Anti-Establishment-Rhetorik und Kulturkampf inspirieren. Die Gästeliste seiner Amtseinführung las sich wie ein Klassentreffen der europäischen Rechten: Meloni, Farage, AfD-Vertreter, Zemmour, Marion Maréchal. Die neue US-Sicherheitsstrategie begrüßte den „wachsenden Einfluss patriotischer europäischer Parteien“ als „Quelle großen Optimismus“.
So sieht transatlantische Wärme aus, wenn sie nicht von der NATO kommt.
Doch Wärme kann verbrennen. Als Trump offen territorialen Druck auf Dänemark ausübte und mit Zöllen drohte, wurde aus der ideologischen Verwandtschaft ein Problem. Nationale Souveränität ist ein empfindliches Gut – vor allem, wenn man sie permanent beschwört.
Hier trennt sich nun die AfD vom RN. Nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern aus strategischen.
Die AfD begrüßt Trumps Rückendeckung ausdrücklich. Petr Bystron sprach laut Politico von einer „direkten Anerkennung unserer Arbeit“, nachdem die US-Regierung ihre Sicherheitsstrategie veröffentlicht hatte. Alice Weidel kommentierte: „Deshalb brauchen wir die AfD!“ Als der deutsche Verfassungsschutz die Partei als extremistisch einstufte, nannte US-Außenminister Marco Rubio dies „getarnte Tyrannei“. Und US-Vizepräsident J.D. Vance forderte in München, die „Brandmauern“ gegen rechte Parteien einzureißen.
Das ist kein diplomatischer Nebensatz, das ist politische Intervention.
Die Rechnung der AfD ist simpel. Wer im eigenen Land unter Beobachtung steht, kann internationale Anerkennung als Gegengift einsetzen. Wer als Paria gilt, inszeniert sich als Opfer eines Systems – und wenn Washington Beifall klatscht, wirkt das wie ein Ritterschlag. Transnationale Legitimationsverschiebung: Das Ausland adelt, was das Inland ächtet.
Nur: Souveränität sieht anders aus.
Eine Partei, die nationale Selbstbestimmung predigt, sucht symbolisches Kapital bei einer ausländischen Regierung. Sie beklagt „Vasallentum“ – und lädt sich zum Galadinner der Jungen Republikaner nach New York ein, wo von einer „neuen Staatsordnung“ in Deutschland geträumt wird. Man könnte sagen: Das Vaterland reist Business Class.
Diese Strategie mag kurzfristig nützen. Sie verleiht Pathos und Schlagzeilen. Sie verstärkt die Erzählung, man sei Teil einer globalen Bewegung gegen den liberalen Mainstream. Doch sie bindet die eigene Glaubwürdigkeit an eine Macht, die offen erklärt, ihre Interessen rücksichtslos durchzusetzen – auch gegen Verbündete.
Und sie übersieht: Washington ist kein ideologischer Think Tank, sondern eine Regierung.
Der RN und die Kunst der Distanz
Der RN in Frankreich kalkuliert anders. Nicht, weil er plötzlich zum Atlantizismus bekehrt wäre, sondern weil Trump in Frankreich toxisch ist. Laut einer Odoxa-Umfrage hatten 56 Prozent der RN-Anhänger nach der US-Wahl 2024 eine negative Meinung von Trump. 85 Prozent der Gesamtbevölkerung nannten ihn „aggressiv“, 78 Prozent „rassistisch“. Le Devoir verweist zudem auf YouGov-Zahlen: Trumps Unbeliebtheit lag zuletzt bei 75 Prozent in Frankreich, 81 Prozent in Deutschland, 77 Prozent im Vereinigten Königreich, 89 Prozent in Dänemark.
Mit einem solchen Fürsprecher gewinnt man in Paris keine Mitte.
Bardella formulierte es gegenüber britischen Medien deutlich: „Ich bin Franzose, also bin ich nicht glücklich mit Vasallentum, und ich brauche keinen großen Bruder wie Trump, der über das Schicksal meines Landes entscheidet.“ Das ist nicht Anti-Trumpismus, das ist Wahlkampf. Marine Le Pen arbeitet seit Jahren an der „Normalisierung“ ihrer Partei. Sie hat die AfD aus der gemeinsamen EU-Fraktion gedrängt, um Distanz zu Skandalen und Geschichtsrevisionismus zu schaffen. Sie weiß, dass man Präsidentin nicht wird, indem man als Außenstelle von Mar-a-Lago gilt.
Jean-Yves Camus brachte es laut Politico auf den Punkt: Der Trumpismus sei ein „dezidiert amerikanisches Phänomen“, nicht eins zu eins übertragbar. Der RN verteidigt sozialstaatliche Elemente, ist weniger religiös aufgeladen, stärker etatistisch. Und vor allem: Er hat nichts zu gewinnen, wenn er als „Trumps Agentin in Frankreich“ etikettiert wird – zumal ihm bereits Nähe zu Russland vorgeworfen wird.
Das ist die zweite Seite des Paradoxons. Nationalistische Parteien operieren in nationalen Arenen. Ihre Wählerschaften sind verschieden. In Großbritannien mag Nigel Farage mit Trump kokettieren, doch selbst er nannte die Drohungen gegen Grönland „falsch“. In Polen, Spanien oder den Niederlanden halten sich Nationalisten bedeckt, um transatlantische Beziehungen nicht zu gefährden. Giorgia Meloni sprach von einem „Kommunikationsproblem“. Man kennt das: Wenn der Freund randaliert, war es ein Missverständnis.
Der vermeintlich geschlossene „patriotische Block“ ist in Wahrheit ein Bündnis auf Zeit. Er funktioniert, solange der gemeinsame Gegner – Migration, „Wokeness“, Brüssel – im Vordergrund steht. Er gerät ins Wanken, sobald konkrete Machtfragen auftauchen: Zölle, Territorien, Sicherheitsinteressen.
Hier zeigt sich der strukturelle Webfehler des internationalen Nationalismus.
Erstens: das Souveränitätsparadox. Wer nationale Selbstbestimmung als höchsten Wert ausgibt, gerät in Erklärungsnot, wenn er ausländische Einmischung begrüßt – solange sie den eigenen Interessen dient. Souveränität à la carte überzeugt nur die eigene Anhängerschaft.
Zweitens: die Wahlsoziologie. Nationale Öffentlichkeiten reagieren unterschiedlich auf externe Akteure. Was in Deutschland als Beweis für internationale Bedeutung verkauft wird, wirkt in Frankreich wie Fremdbestimmung.
Drittens: die Machtasymmetrie. Die USA bleiben geopolitisch dominant. Wer sich an sie anlehnt, läuft Gefahr, als Juniorpartner wahrgenommen zu werden. Nationalismus verträgt keine Hierarchie – außer der eigenen.
Viertens: das Reputationsrisiko. Politische Allianzen mit einer polarisierenden Figur sind volatil. Wenn Trumps Drohungen gegen Kanada laut Economist zur Niederlage des populistischen Konservativen Pierre Poilievre beitrugen, dann ist das eine Warnung: Nähe kann schaden.
Man könnte es auch prosaischer sagen: Der Nationalismus ist kein Exportartikel, sondern ein Binnenmarktprodukt. Er lebt von der Behauptung der Einzigartigkeit. Wird er internationalisiert, verliert er sein Alleinstellungsmerkmal.
Das heißt nicht, dass es keine ideologischen Schnittmengen gibt. Migration, Identität, Anti-Establishment-Rhetorik, Skepsis gegenüber supranationalen Institutionen – all das verbindet AfD, RN und MAGA. Steve Bannon sprach offen davon, dass eine Wahl Marine Le Pens 2027 die EU „zerstören“ werde – neben Brexit und Trumps eigener Wahl. Das klingt nach strategischer Koordination.
Doch Koordination ersetzt keine Kongruenz. Der RN will ein „Europa der Nationen“, das sich auch gegen „Machtdemonstrationen, sei es von Donald Trump oder China“, behaupten kann, wie es der Europaabgeordnete Fabrice Leggeri formulierte. Das ist der Versuch, Nationalismus mit einer Restidee europäischer Selbstbehauptung zu versöhnen.
Die AfD dagegen sucht die offene Allianz. Sie reist nach Washington, trifft MAGA-Republikaner, lässt sich bestätigen, dass sie gegen „Zensur“ und „politische Verfolgung“ kämpfe. Das kann innenpolitisch mobilisieren. Es kann aber auch den Eindruck verstärken, dass man für die nationale Ehre gern einmal über den Atlantik fliegt.
Der internationale Nationalismus träumt von einer Welt souveräner Staaten, die sich gegenseitig respektieren – solange sie ideologisch kompatibel sind. Doch Politik ist kein Freundschaftsspiel. Wenn Trump mit Zöllen droht oder territoriale Ansprüche formuliert, ist er kein Gesinnungsgenosse, sondern Präsident der Vereinigten Staaten. Er vertritt amerikanische Interessen „auf eine sehr amerikanische Art“, wie Bardella sagte. Und diese Art ist nicht europäisch.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe. Nationalismus funktioniert als Erzählung der Selbstgenügsamkeit. Er braucht den starken Staat, der sich behauptet. Aber er gerät ins Stolpern, wenn mehrere starke Staaten gleichzeitig ihre Interessen durchsetzen wollen – und einer davon heißt USA.
Dann wird aus der „patriotischen Internationale“ ein Haufen Patrioten, die sich gegenseitig misstrauen.
Am Ende bleibt eine Frage, die über Trump hinausweist: Was geschieht mit Europas rechten Parteien, wenn sie eines Tages tatsächlich regieren – und feststellen, dass nationale Souveränität nicht nur Parole, sondern Praxis ist? Werden sie dann weiterhin internationale Rückendeckung suchen? Oder entdecken sie, dass nationale Autonomie nur glaubwürdig ist, wenn sie auch gegenüber Freunden gilt?
Der Nationalismus hat viele Feinde. Sein hartnäckigster sitzt womöglich im eigenen Spiegel.








