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DIE KOLUMNE: Antisemitismus als ideologisches Band


Stefan Dietls Analyse der AfD und die Frage, was wir nicht sehen wollen

Diese Kolumne ist keine klassische Buchrezension. Sie versteht sich weniger als distanzierte Besprechung eines abgeschlossenen Textes denn als politische Einordnung. Stefan Dietls 2025 im Verbrecher Verlag erschienenes Buch „Antisemitismus und die AfD“ dient hier als Ausgangspunkt für eine größere Frage: Ist Antisemitismus in der AfD Randphänomen – oder ideologische Klammer?

Eine herkömmliche Rezension würde das Buch referieren, Argumentationsgang und Stil prüfen und am Ende ein Urteil formulieren. Diese Kolumne geht einen anderen Weg. Sie bezieht bewusst ein Moment ein, das in der Literaturkritik ungewöhnlich ist: die Buchvorstellung Stefan Dietls am 12. Mai 2025 in Stuttgart, an der ich teilgenommen habe und die im Videoformat vorliegt.

Die mündliche Präsentation wird hier nicht als Beiwerk behandelt, sondern als interpretative Linse. Denn gerade bei einem hochaktuellen, emotionalisierten Thema zeigt sich im öffentlichen Vortrag, wie wissenschaftliche Analyse in politische Gegenwart übersetzt wird. Der Einstieg über den 7. Oktober, die rhetorischen Zuspitzungen, die argumentative Dramaturgie – all das macht sichtbar, welche Akzente gesetzt und welche Begriffe als analytische Schlüssel angeboten werden.

So vermengt diese Kolumne zwei Formen:
Sie ist Rezension, indem sie Dietls Thesen einordnet, bewertet und weiterdenkt.
Und sie ist Rekonstruktion politischer Kommunikation, indem sie den Aufbau und die Zuspitzung der Stuttgarter Buchvorstellung nachzeichnet.

Es geht also weniger darum, ein Buch zu „prüfen“, als darum, einen öffentlichen Deutungsversuch in seinem Entstehungsmoment zu beobachten. Nicht nur, was Dietl schreibt, ist von Interesse – sondern auch, wie er seine Analyse in die politische Gegenwart einspeist.

Man kann eine Partei an ihren Programmen messen. Man kann sie an ihren Reden messen. Man kann sie an ihren Skandalen messen.
Oder man misst sie an dem, was ihre verschiedenen Flügel im Innersten zusammenhält.

Stefan Dietl entscheidet sich für Letzteres. Und er kommt zu einem Befund, der weniger spektakulär als folgenschwer ist: Antisemitismus ist in der AfD kein Betriebsunfall, kein Kommunikationsfehler, kein Ausrutscher einzelner Funktionäre. Er ist – so Dietls These – das ideologische Band, das eine Partei zusammenhält, die sonst in wirtschaftspolitischen Fragen, im Stil und im Personal durchaus heterogen erscheint.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Analyse. Und gerade deshalb so unerquicklich.

Das Denkmal der Schande und die Logik der Entlastung

Wer verstehen will, warum Dietl Antisemitismus nicht als Randphänomen, sondern als Struktur begreift, muss sich das Geschichtsbild der AfD ansehen.

Björn Höcke nannte in seiner berühmt gewordenen „Dresdner Rede“ das Berliner Holocaust-Mahnmal ein „Denkmal der Schande“ und forderte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Alexander Gauland sprach von Hitler und den Nazis als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Jens Maier erklärte den „Schuldkult“ für beendet.

Das sind keine zufälligen Entgleisungen. Es ist ein Muster. Die Erinnerung an die NS-Verbrechen gilt in diesem Denken als moralischer Hemmschuh, als Last, die nationale Souveränität und Selbstbehauptung behindere. Dietl formuliert es nüchtern: Die Revision der Vergangenheit soll Deutschland „ideologisch für die Zukunft aufrüsten“.

Die Shoah wird relativiert, nicht um Neonostalgiker zu umwerben – „dafür lohnt sich der Aufwand nicht“ –, sondern um den Weg frei zu machen für eine Politik, die wieder stolz sein möchte. Und zwar ohne Fußnote.

Dietls zentrale theoretische Setzung ist jedoch eine andere. Antisemitismus sei kein Vorurteil unter vielen. Er sei ein „Welterklärungsmodell“.

Das klingt abstrakt, ist aber konkret gemeint. Während Rassismus andere abwertet, konstruiert der moderne Antisemitismus – so Dietl – eine übermächtige Feindgruppe. Nicht die Schwachen werden beschuldigt, sondern die vermeintlich allmächtigen Strippenzieher.

„Der Kapitalismus als abstrakter, als schwer zu durchdringender Herrschaftszusammenhang wird erklärbar gemacht durch die Darstellung eines eingeschränkten Personenkreises“, sagt Dietl in seiner Buchvorstellung. Diese Personalisierung des Abstrakten ist das Scharnier.

Ob „Großer Austausch“, „Umvolkung“, „globale Eliten“ oder George Soros – das Narrativ bleibt gleich. Komplexität wird reduziert, Widerspruch personalisiert, Geschichte moralisch entkernt. Der Name ändert sich, die Struktur bleibt.

Das Entscheidende: Diese Verschwörungsnarrative finden sich nicht nur im offen völkischen Lager der AfD. Auch wirtschaftsliberale Akteure greifen auf Soros als Chiffre zurück. Antisemitismus fungiert hier als verbindendes Element, als ideologisches Esperanto zwischen Nationalkonservativen, Marktradikalen und Identitären.

Nicht weil alle dasselbe sagen. Sondern weil sie dieselbe Struktur bedienen.

Hier beginnt das Paradox, das keines ist.

Öffentlich demonstriert die AfD Solidarität mit Israel. Sie thematisiert Antisemitismus – allerdings ausschließlich als „importiertes“ Problem. Migration wird zur Hauptursache erklärt, Abschiebung zur Therapie.

Dietl nennt das Externalisierung. Antisemitismus erscheine als Gefahr von außen, nicht als historisch und gesellschaftlich gewachsenes Phänomen. In dieser Logik wird die AfD zur „einzigen projüdischen Partei“, weil sie die Grenzen schließen will.

Dass dieselbe Partei ein Schächtverbot fordert, das religiöses jüdisches Leben faktisch verunmöglichen würde, bleibt Nebensache. Ebenso die wiederholte Tolerierung antisemitischer Äußerungen aus den eigenen Reihen.

In der Forschung wird dieses Spannungsverhältnis als „instrumentelle Israelsolidarität“ oder als „philosemitischer Paradigmenwechsel“ diskutiert: Israels Rechtsregierung wird rhetorisch umarmt, um sich vom Antisemitismusvorwurf zu entlasten und zugleich muslimische Minderheiten zu delegitimieren.

Es ist eine Solidarität, die sich weniger an der Realität Israels orientiert als an ihrer Funktion im innenpolitischen Diskurs.

Dietl bringt es auf den Punkt: Die positiven Worte richteten sich nicht an den real existierenden jüdischen Staat, sondern an ein imaginiertes Bollwerk gegen den Islam.

Besonders unerquicklich wird es bei der Iran-Politik.

Während das Regime in Teheran Oppositionelle verfolgt und offen mit der Vernichtung Israels droht, forderten AfD-Politiker Gaslieferungen aus dem Iran. Die deutsch-iranische Parlamentariergruppe wurde von der AfD dominiert, regimefreundliche Pressemitteilungen inklusive. Der Bundestag setzte die Gruppe schließlich aus – ein seltener Vorgang.

Hier kollidiert die demonstrative Israelsolidarität mit realpolitischen Interessen. Stabilität vor Freiheit, Gas vor Moral. Oder wie Tino Chrupalla formulierte: „Mit welcher Regierung das iranische Volk leben will, ist seine Sache.“

Wenn das der Maßstab ist, dann ist Solidarität eine Frage der Geografie.

Der blinde Fleck

Dietls Buch richtet sich nicht nur gegen die AfD. Es enthält eine unbequeme Kritik an der Linken und an liberalen Milieus.

Antisemitismus werde oft mit Rassismus gleichgesetzt, seine spezifische Struktur verkannt. Der islamische Antisemitismus werde aus falscher Rücksichtnahme unzureichend thematisiert.

Man muss diese Diagnose nicht in jedem Punkt teilen. Aber man sollte sie nicht reflexhaft zurückweisen. Wenn Antisemitismus als Welterklärungsmodell funktioniert, dann genügt es nicht, ihn moralisch zu verurteilen. Man muss verstehen, wie er Sinn stiftet.
Und genau hier liegt die politische Brisanz.

Die Frage, die Dietls Buch aufwirft, ist größer als die AfD.

Ist Antisemitismus konstitutiv für ihre politische Identität? Oder ist er ein besonders wirkmächtiges Mobilisierungsinstrument?

Die Grenze verläuft nicht scharf. Antisemitische Narrative bieten einfache Antworten auf komplexe Fragen. Sie stiften Gemeinschaft durch Feindbestimmung. Sie erlauben Selbstvergewisserung in Zeiten sozialer Verunsicherung.

Wenn eine Partei diese Narrative systematisch nutzt, relativiert, externalisiert und zugleich instrumentell umdeutet, dann prägt das ihre Identität. Nicht als offenes Bekenntnis, sondern als strukturelle Logik.

Dietl spricht von einem „blinden Fleck“ des Antifaschismus. Vielleicht ist es eher eine Bequemlichkeit. Antisemitismus zu analysieren ist komplizierter, als ihn moralisch zu verurteilen. Und komplizierte Analysen mobilisieren schlechter als klare Feindbilder.

Was bedeutet das für die demokratische Kultur?

Normalisierung geschieht selten durch einen Paukenschlag. Sie geschieht durch Wiederholung. Durch das schrittweise Verschieben von Grenzen. Durch das Gewöhnen an Begriffe wie „Schuldkult“ oder „Umvolkung“, bis sie wie politische Folklore klingen.

Wenn Antisemitismus als Welterklärungsmodell funktioniert, dann reicht es nicht, einzelne Zitate zu skandalisieren. Man muss die Struktur offenlegen, die sie verbindet.

Dietls Buch ist in diesem Sinne weniger Anklage als Anatomie. Es zeigt, wie disparate Parteiflügel durch ein gemeinsames Deutungsmuster verbunden werden. Und es zwingt zur Frage, warum dieses Muster so anschlussfähig ist.

Vielleicht liegt die unangenehmste Einsicht nicht in der AfD selbst, sondern in der Gesellschaft, die solche Deutungsangebote konsumiert.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie antisemitisch ist die AfD?

Sondern: Welche Leerstelle füllt sie – und warum?

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