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DIE KOLUMNE: Die extreme Rechte gestaltet die englische Politik um – und Elon Musk liefert den Verstärker

Wie ein amerikanischer Plattformbesitzer Englands Rechte verstärkt – und die Mitte beim Kopieren hilft

England war einmal stolz darauf, eine Insel zu sein.
Heute wirkt es eher wie ein Kommentarbereich mit Küstenlinie.

Was sich in Großbritannien vollzieht, ist keine bloße Rechtsverschiebung. Es ist eine Umordnung der politischen Statik. Positionen, die noch vor wenigen Jahren als randständig galten, werden inzwischen nicht mehr entschuldigt, sondern gewählt. Und ein amerikanischer Unternehmer mit über 227 Millionen Followern auf X fungiert dabei als Lautsprecher, Taktgeber und gelegentlich als Brandbeschleuniger.

Das Problem ist nicht, dass es radikale Stimmen gibt. Die gab es immer. Das Problem ist, dass ihre Sprache in die Mitte eingesickert ist.

Vom Straßenrand ins Wahlprogramm

Tommy Robinson, der bekannteste britische rechtsextreme und islamfeindliche Aktivist, war lange eine Figur des rechten politischen Randes, Gründer der English Defence League, Dauergast in Gerichtssälen, Provokateur mit Stadionästhetik. Wer ihn ernst nahm, tat das meist als Warnung.

So geschehen auch Ende Januar, als er einen Kandidaten von Reform UK unterstützte. Reform UK, Nigel Farages aufstrebende rechtspopulistische Partei, die seit über einem Jahr die Umfragen anführt, distanzierte sich umgehend – ein kalkuliertes Manöver zur Schadensbegrenzung. Doch diese Geste konnte nicht verdecken, was Alan Elrod im UnPopulist (18. Februar 2026) festhält: Die „ideologischen Unterschiede zwischen Robinsons radikalem Straßenaktivismus und der heutigen rechten Wahlpolitik“ in Großbritannien sind kaum noch erkennbar.

Robinson gehört inzwischen Advance UK an – jener Partei, die der britisch-pakistanische Geschäftsmann Ben Habib gegründet hat, einst Europaabgeordneter der Konservativen, später stellvertretender Vorsitzender von Reform UK und 2024 deren Kandidat in Wellingborough und Rushden, wo er mit 21,5 Prozent den dritten Platz erreichte. Advance entstand aus dem Vorwurf, Reform UK sei „nicht radikal genug“. Reform UK wiederum war aus der Unzufriedenheit mit den Konservativen hervorgegangen. Die Bewegung verläuft nicht mehr vom Zentrum zum Rand, sondern vom Rand ins Zentrum.

Das St.-Georgs-Kreuz illustriert diese Verschiebung. Einst Requisite im Stadion, heute politisches Erkennungszeichen. Es steht weniger für britische Einheit als für englische Abgrenzung.

Die Flagge Englands war lange ein Sportaccessoire – bemalte Gesichter bei Weltmeisterschaften, wehende Stoffbahnen auf Autodächern. Patriotismus als Wochenendereignis. Doch in den vergangenen Jahren hat sich ihr Gebrauch verändert. Er ist flächendeckender, demonstrativer, mitunter aggressiver geworden.

Im Sommer 2025 rief die Kampagne „Operation Raise the Colours“  dazu auf, das St.-Georgs-Kreuz und den Union Jack an Laternenpfählen, Kreisverkehren und öffentlichen Gebäuden anzubringen. Befürworter sprachen von nationalem Selbstbewusstsein. Kritiker, darunter die Antirassismusorganisation Hope Not Hate, warnten vor Einschüchterung. In mehreren Kommunen wurden Flaggen entfernt – aus Sicherheits- oder Wartungsgründen, wie es hieß. Mitarbeiter erhielten Drohungen. Lokalpolitiker wurden als „britenfeindlich“ beschimpft.

Die historische Hypothek ist nicht neu. Schon in den 1970er-Jahren tauchte das Kreuz im Umfeld des Fußballhooliganismus auf, später bei der National Front und der English Defence League. Die Symbolik war nie unschuldig, aber sie war begrenzt. Heute ist sie massenhaft.

Eine YouGov-Umfrage Ende 2025 ergab, dass die Mehrheit der Briten zwar eine positive Haltung zur Flagge hat. Doch rund 50 Prozent bewerteten die Laternenpfahl-Kampagne nicht als harmlosen Patriotismus, sondern als Ausdruck fremdenfeindlicher Stimmung. Das ist keine Randwahrnehmung. Es ist gesellschaftliche Spaltung in Stoffform.

Premierminister Keir Starmer versuchte, die Flagge zurückzuerobern – als Zeichen einer vielfältigen Nation, etwa bei der Siegesparade der Euro 2025. Er erklärte, Großbritannien werde die Flagge „niemals“ an rechtsextreme Demonstranten abgeben. Künstler gestalteten Banner mit inklusiven Botschaften. Ein symbolischer Wettstreit begann: Wem gehört das Kreuz? Dem Stadion? Der Straße? Oder der Bewegung?

Das Vereinigte Königreich bleibt staatsrechtlich bestehen. Doch die politische Identität wird enger gefasst. Das St.-Georgs-Kreuz markiert nicht mehr nur Herkunft, sondern Haltung – und Haltung meint zunehmend Abgrenzung.

Hinzu tritt eine religiöse Aufladung, die lange als amerikanische Spezialität galt.

In Matlock in Derbyshire führten von der Reformpartei dominierte Stadträte das christliche Gebet in Ratssitzungen wieder ein – mit der Begründung, Großbritannien sei ein „christliches Land“. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war das Verbot von Regenbogenflaggen nach der Beschwerde eines christlichen Buchhändlers. Ähnliche Beschlüsse folgten in weiteren Kommunen.

In Northumberland erklärte ein Reform-Ratsmitglied, er wolle ausschließlich christlichen Religionsunterricht an Schulen, da es sich um ein „christliches Land“ handle. Andere Ansätze bezeichnete er als „Gehirnwäsche“.

Advance UK stellte sein Programm in einer evangelikalen Kirche vor. Pastor Rikki Doolan fungierte als spiritueller Leiter. 2023 geriet Doolan durch eine Recherche von Al Jazeera in die Schlagzeilen: Ihm wurde Beteiligung an einem Geldwäschesystem im Zusammenhang mit Goldhandel vorgeworfen. In verdeckten Aufnahmen sprach er offen über die Ausnutzung diplomatischer Privilegien.

Doolan beschreibt einen „antichristlichen“ Geist, der von LGBTQ+-Personen, dem Islam, „Hyperfeminismus“ und der „Zerstörung der Familie“ ausgehe. Homosexualität, Transidentität und Abweichungen von traditionellen Geschlechterrollen erscheinen in dieser Logik als Bedrohung.

Kreuzzugsmetaphern, öffentliche Gebete, die Beschwörung „biblischer Werte“ – laut Analysen von Hope Not Hate verschiebt sich die Szene vom kulturellen Christentum zur offenen Religiosität. Religion dient nicht mehr als Traditionskulisse, sondern als politisches Argument.

Bei Robinsons „Unite the Kingdom“-Kundgebung im September 2025 waren Holzkreuze zu sehen, Fahnen mit Aufschriften wie „Jesus ist König“. Geistliche nahmen teil. Christlicher Nationalismus stand im Zentrum.

Das verändert nicht sofort die Verfassung. Aber es verändert die Sprache. Und wer die Sprache verschiebt, verschiebt die Grenze des Sagbaren.

Musk als Verstärker

An dieser Stelle betritt Elon Musk die Bühne – nicht als Beobachter, sondern als Akteur.

Der erstarkte Rechtsnationalismus ist transnational vernetzt. Musk nutzt seine Plattform als Dreh- und Angelpunkt. Im September 2025 rief er offen zur Unterstützung von Advance UK auf und nannte Nigel Farage einen „Schwächling“. Bei „Unite the Kingdom“ forderte er eine „Auflösung des Parlaments“ und einem „Regierungswechsel“ in Großbritannien.

Musk, der live per Videolink zuschaltet war, sagte vor der Menge im Zentrum Londons: „Mein Appell richtet sich an den gesunden Menschenverstand der Briten: Schauen Sie sich genau um und fragen Sie sich: ‚Wenn das so weitergeht, in welcher Welt werden Sie dann leben?‘“

Während der Southport-Unruhen 2024 war Musk ein Haupttreiber der Unruhen. Er brachte die Ausschreitungen mit Masseneinwanderung in Verbindung und postete sogar, ein „Bürgerkrieg“ in Großbritannien sei unvermeidlich. Er griff den neu gewählten britischen Premierminister Keir Starmer – dessen Labour-Partei im Juli nach 14 Jahren konservativer Herrschaft die Macht übernommen hatte – an, indem er ihm vorwarf, voreingenommen gegenüber rechten „Demonstranten“ zu sein. 

Er interagierte mit Accounts, die anti-muslimische Narrative verbreiteten. Beiträge, die er kommentierte, erzielten Millionenreichweiten. Nachdem Nigel Farage, der Vorsitzende der rechtsextremen Partei Reform UK und Verbündeter Trumps, auf X geschrieben hatte: „Keir Starmer stellt die größte Bedrohung für die Meinungsfreiheit in unserer Geschichte dar“, antwortete Musk: „Stimmt.“

Falschinformationen verbreiteten sich rasch. Obwohl sich später herausstellte, dass es sich beim Täter um einen britischen Staatsbürger handelte, hielten die Ausschreitungen an. Hotels für Asylsuchende wurden angegriffen, Moscheen beschädigt. Die Plattform war nicht der Ursprung der Gewalt. Aber sie war ihr Resonanzraum.

Wer 227 Millionen Follower erreicht und den Algorithmus prägt, ist kein gewöhnlicher Nutzer. Er ist Infrastruktur. 

Musk war zwar nur ein Faktor bei den bevorstehenden Gewaltausbrüchen in Großbritannien, doch während seiner fast zweijährigen Herrschaft über Twitter X hatte er praktisch jedes Bekenntnis zu verantwortungsvoller Kommunikation, das die Plattform zuvor geprägt hatte, untergraben.

Warum verfängt diese Rhetorik?

Der Ipsos Political Monitor vom 30. November 2025 liefert ernüchternde Zahlen. Reform UK liegt bei 33 Prozent, Labour bei 18 Prozent – der niedrigste Wert seit Beginn der Ipsos-Erhebungen 1976. 80 Prozent der Befragten glauben, Großbritannien verschlechtere sich als Wohnort. 66 Prozent trauen der Regierung keine wirtschaftliche Verbesserung zu.

Nur 13 Prozent sind mit Premierminister Keir Starmer zufrieden. Der Nettowert liegt bei minus 66. Reform führt bei Einwanderung und Kriminalität. Viele antworten auf die Frage nach der „besten Partei“ mit „Keine“ oder „Weiß nicht“.

Das ist weniger Begeisterung als Erschöpfung.

In einem solchen Klima genügt ein Verstärker. Musk liefert ihn.

Doch die Verschiebung geschieht nicht nur am Rand, sondern im Zentrum.

Elrod schreibt im UnPopulist , Labour und Konservative reagierten auf Reforms Erfolge mit Annäherung. Labour verschärft die Migrationspolitik. Ein Weißbuch sieht längere Fristen bis zur Staatsbürgerschaft vor. Starmer warnt vor einer „Insel der Fremden“ – eine Wortwahl, die Erinnerungen an Enoch Powell weckt.

Die Konservativen diskutieren über einen Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention. Stimmen plädieren für weitere Rechtsverschiebung.

Nicht Reform bewegt sich zur Mitte. Die Mitte bewegt sich zu Reform.

Das ist kein Putsch. Es ist Anpassung.

Der neue Nationalismus ist international vernetzt. Robinson dankt Musk öffentlich für die „Stimme“. Musk unterstützt Trump, verbreitet Warnungen vor Wahlbetrug und inszeniert sich als Verteidiger der „freien Rede“.

Nationaler Pathos, globale Bühne.

Der reichste Mann der Welt legitimiert Akteure, die behaupten, gegen Eliten zu kämpfen. Der Widerspruch funktioniert.

Man kann argumentieren, Musk verstärke nur vorhandene Stimmungen. Das stimmt. Aber Verstärkung ist nicht neutral. Infrastruktur ist Macht.

Wenn ein Plattformbesitzer Narrative millionenfach sichtbar macht, verschiebt er Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit entscheidet in Demokratien über Relevanz.

Die extreme Rechte hatte immer Stimmen.
Neu ist, dass eine davon die globale Beschallungsanlage besitzt.

Großbritannien steht nicht vor dem Staatsstreich. Aber es erlebt eine politische Entgrenzung, die weniger auf Barrikaden als in Timelines stattfindet.

Die Frage lautet nicht, ob ein amerikanischer Unternehmer twittern darf. Die Frage lautet, was geschieht, wenn eine Demokratie ihre politische Mitte aus Angst verschiebt – und ein externer Akteur diese Bewegung beschleunigt.

Demokratie lebt vom Streit.
Aber sie lebt auch von Selbstbegrenzung.

Wenn radikale Rhetorik nicht mehr am Rand verhallt, sondern im Parlament nachklingt, verändert sich nicht nur der Ton. Es verändert sich die Statik.

Und vielleicht ist das größte Risiko nicht die Lautstärke der Extreme.
Sondern die Gewöhnung an sie.

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