Der 7. Oktober 2023 hat eine alte Bruchlinie innerhalb der Linken sichtbar gemacht: zwischen einem universellen Anspruch auf Emanzipation und einem Lagerdenken, das selbst reaktionäre Gewalt noch als Widerstand verklären kann.
Der 7. Oktober 2023 war nicht nur für Israel und jüdisches Leben eine Zäsur. Das Massaker der Hamas wurde zugleich zur Zerreißprobe für eine Linke, die Emanzipation, Antifaschismus und Solidarität zu ihren politischen Grundsätzen zählt. Teile linker und antiimperialistischer Milieus reagierten auf Mord und Verschleppung nicht zuerst mit Entsetzen, sondern mit Relativierung, Schweigen oder der Deutung der Gewalt als antikolonialer Widerstand. Damit brach ein Konflikt offen auf, der schon länger bestand. Bereits unmittelbar nach dem Massaker verlief der Streit quer durch linke Zusammenhänge: Während manche Gruppen ihre Solidarität mit den Opfern erklärten, verweigerten andere eine klare Verurteilung der Hamas oder übersetzten das Geschehen in die Sprache der Befreiung.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob man „für Israel“ oder „für Palästina“ ist. Schon diese Gegenüberstellung sortiert Menschen wieder in jene Kollektive ein, aus deren Zwängen emanzipatorische Politik sie eigentlich lösen wollte. Wichtiger ist eine andere Frage: Was bleibt von einer Linken, wenn sie Gewalt nicht mehr danach beurteilt, was sie Menschen antut, sondern danach, wer sie ausübt?
Als das Weltbild schneller war als die Wirklichkeit
Während in Israel noch nach Vermissten gesucht wurde, schien die politische Deutung in Teilen antiimperialistischer Milieus bereits festzustehen: Widerstand, Dekolonisierung, Folge der Besatzung. In Berlin verteilte Samidoun Süßigkeiten. An der Hamburger Roten Flora wurde selbst der Satz „Killing Jews is not fighting for freedom“ zum Gegenstand eines politischen Konflikts .
Das Problem liegt nicht darin, den 7. Oktober 2023 historisch einzuordnen. Politische Analyse kommt ohne Geschichte nicht aus. Doch zwischen Erklärung und Rechtfertigung verläuft eine Grenze. Die ideologische Verkürzung beginnt dort, wo gesellschaftliche Ursachen plötzlich als moralische Entlastung dienen.
Der Mechanismus ist simpel. Die Welt wird in Herrschende und Beherrschte geteilt, Israel dem Kolonialismus zugeordnet und die Palästinenser den Kolonisierten. Damit scheint zugleich entschieden, wo die emanzipatorische Seite zu finden ist. Nationale Befreiungsbewegungen erhalten auf diese Weise einen politischen Vorschuss, der mit ihrem tatsächlichen gesellschaftlichen Programm wenig zu tun haben muss.
So konnte das Massaker als „Gefängnisausbruch“ oder als Akt der Dekolonisierung erscheinen. Der Euphemismus macht aus einer konkreten Tat ein historisches Symbol. Die Ermordeten treten nicht länger als einzelne Menschen in Erscheinung, sondern als Angehörige eines politischen Blocks. Aus Opfern werden Kolonisatoren, aus Tätern Widerstandskämpfer. Das Urteil fällt, bevor die Wirklichkeit überhaupt vollständig zur Kenntnis genommen wurde.
Der Feind meines Feindes bleibt jedoch zunächst nur der Feind meines Feindes. Zum Genossen macht ihn das nicht.
Der Unterdrückte als moralischer Großgrundbesitzer
Unterdrückung ist real. Besatzung, Rassismus, kapitalistische Ausbeutung und koloniale Kontinuitäten lösen sich nicht in Luft auf, nur weil ihre Analyse bisweilen zur Karikatur gerät. Aus eigener Unterdrückung erwächst aber kein moralischer Freibrief für das eigene Handeln.
Menschen können beherrscht werden und zugleich selbst Herrschaft ausüben. Eine Bewegung kann aus realem Elend entstehen und trotzdem autoritär sein. Sie kann gegen Besatzung kämpfen und Frauen unterwerfen, Kolonialismus bekämpfen und Homosexuelle verfolgen, soziale Unterstützung organisieren und antisemitische Ideologie verbreiten. Gesellschaftliche Bedingungen helfen zu verstehen, weshalb solche Bewegungen entstehen. Ob ihre Ziele emanzipatorisch sind, beantworten sie nicht.
Beim Islamismus geht diese Unterscheidung leicht zwischen zwei falschen Antworten verloren. Die Rechte erklärt ihn zur Eigenschaft von Muslimen. Teile der Linken behandeln reaktionäre Ideologie dagegen als kulturelle Besonderheit oder als nachvollziehbare Reaktion auf westliche Herrschaft. Die eine Position kulturalisiert feindselig, die andere paternalistisch. Eine materialistische Kritik müsste beides vermeiden: Islamismus als gesellschaftlich entstandene politische Ideologie begreifen und gerade deshalb seine autoritären, patriarchalen und antisemitischen Inhalte kritisieren.
Für Antisemitismus gilt dasselbe. Er wird nicht progressiv, weil jemand sich Antifaschist nennt oder die eigene Feindschaft gegen Israel antikolonial begründet. Antisemitische Vorstellungen finden sich in rechten, islamistischen und linken Zusammenhängen. Sie können offen nationalistisch auftreten, sich aber ebenso als besonders radikale Kapitalismus- oder Israelkritik präsentieren.
Wer Antisemitismus beim Neonazi sofort erkennt, beim vermeintlichen Befreiungskämpfer jedoch zuerst nach dem geopolitischen Kontext fragt, hat keinen feineren Begriff von Herrschaft. Er misst mit zweierlei Maß.
Antisemitismus mit gutem Gewissen
Linker Antisemitismus begann nicht am 7. Oktober, man denke an den pro-palästinensischen Linksterrorismus der 1960er/70er-Jahre oder an Kunzelmanns Angriffe gegen einen angeblichen „Judenknax”. In seiner heutigen Form braucht er auch nicht das Vokabular des klassischen Judenhasses. Gerade das erleichtert seine Anschlussfähigkeit. Antisemitische Muster können sich in einer Sprache ausdrücken, die antikapitalistisch, antirassistisch oder antikolonial klingt. Israel erscheint darin nicht mehr als konkrete und widersprüchliche Gesellschaft, sondern als Chiffre für Imperialismus, Kapitalismus, Kolonialismus oder den Westen.
Das bedeutet nicht, dass jede scharfe Kritik an Israel antisemitisch wäre. Würde der Begriff so weit ausgedehnt, verlöre er seinen analytischen Wert. Israelische Regierungspolitik, Besatzung, Siedlungspolitik und militärische Entscheidungen sind legitime Gegenstände politischer Kritik. Eine Israelsolidarität, die daraus ein Kritikverbot ableitet, hätte mit Solidarität wenig zu tun. Sie wäre Staatsfrömmigkeit mit anderem Reisepass.
Entscheidend ist deshalb, wie Kritik funktioniert. Richtet sie sich gegen konkrete politische Entscheidungen oder macht sie Israel zum Schlüssel für die Erklärung der Welt? Gelten dieselben Maßstäbe wie gegenüber vergleichbaren Staaten? Oder wird gerade dem jüdischen Staat grundsätzlich eine Legitimität abgesprochen, die bei anderen Staaten kaum infrage steht? Werden Israelis als politische Subjekte mit verschiedenen Interessen und Positionen wahrgenommen oder nur als Verkörperungen des Zionismus?
Nach dem 7. Oktober trafen in Teilen des politischen Spektrums antiimperialistische und islamistische Formen des Antizionismus aufeinander. Gleichzeitig nutzte die extreme Rechte islamistischen und migrantischen Antisemitismus, um Judenhass als importiertes Problem darzustellen und den eigenen Rassismus als Sorge um jüdisches Leben auszugeben.
Die Wirklichkeit hält sich damit nicht an die bequeme Landkarte des Guten. Islamisten können antisemitisch sein. Linke ebenfalls. Rechte können Antisemitismus für ihre Zwecke instrumentalisieren und zugleich eigene antisemitische Traditionen fortführen. Wer diese Widersprüche nicht gleichzeitig sehen kann, sucht eher nach dem passenden Lager als nach Erkenntnis.
Das Massaker als Fußnote
Ideologie muss Tatsachen nicht bestreiten. Manchmal reicht es, ihnen ihre Bedeutung zu nehmen. Genau das geschieht, wenn der 7. Oktober zwar als Geschehen anerkannt, aber sofort in eine fertige Kausalkette eingeordnet wird: Besatzung, Blockade, Kolonialismus, Widerstand. Die Ermordeten kommen darin weiterhin vor, allerdings kaum noch als Menschen, deren Ermordung selbst nach einem politischen und moralischen Urteil verlangt.
So wird das Massaker zum „Nicht-Ereignis“. Nicht, weil es unbekannt wäre, sondern weil das vorhandene Weltbild bereits festlegt, welche Bedeutung ihm zukommen darf.
Selbstverständlich hat der 7. Oktober eine Vorgeschichte. Das gilt ebenso für den Krieg in Gaza, die israelische Besatzungspolitik und den israelisch-palästinensischen Konflikt insgesamt. Historische Erklärung hebt persönliche und politische Verantwortung jedoch nicht auf. Andernfalls ließe sich jedes Verbrechen so lange kontextualisieren, bis am Ende nur noch Verhältnisse handeln und keine Täter mehr existieren.
Materialismus würde sich damit von einer Analyse gesellschaftlicher Vermittlung in eine große Entlastungsmaschine verwandeln.
Besonders deutlich zeigt sich das Problem dort, wo Solidarität von der politischen Identität des Opfers abhängt. Nach dem 7. Oktober berichteten jüdische Stimmen davon, linke Kultur- und Aktivismusräume nicht länger als sichere Orte zu erleben. Wer als Jude zunächst seine Distanz zu Israel nachweisen soll, bevor seine Erfahrung mit Antisemitismus anerkannt wird, erfährt keine Solidarität. Er durchläuft ein politisches Aufnahmeverfahren.
Eine Linke, die Menschen einmal von zugeschriebenen Identitäten befreien wollte, hängt ihnen damit Herkunft, Nation und politische Loyalität wieder wie ein Namensschild um.
Vom Safe Space zum Schützengraben
Wie weit eine solche Verhärtung reichen kann, zeigten die Besetzung der Roten Flora in Hamburg im Mai 2025, oder im Juli 2026 der Konflikt im linken Jugendzentrum La Casa in Berlin-Hellersdorf. Dort eskalierte eine Auseinandersetzung zwischen linken Gruppen, bei der auch unterschiedliche Positionen zum Nahostkonflikt eine Rolle spielten. Am Ende gehörten Vermummte, Schlagwerkzeuge, Verletzte und Polizei zum Geschehen. Beide Seiten warfen einander vor, die Gewalt begonnen zu haben; der genaue Ablauf ließ sich laut Darstellung nicht vollständig unabhängig rekonstruieren.
Gerade deshalb eignet sich der Fall nicht dazu, im Nachhinein eindeutige Helden und Schuldige zu bestimmen. Er zeigt aber, was mit politischen Milieus geschehen kann, wenn Differenz nicht mehr als Voraussetzung von Kritik gilt, sondern als Verrat am eigenen Lager. Genossen werden zu Abweichlern, Kritiker zu Feinden und politische Streitfragen zu Loyalitätstests.
Dabei wären einige der nötigen Unterscheidungen denkbar schlicht. Der israelische Linke ist nicht Netanyahu. Der Palästinenser ist nicht Hamas. Der Muslim ist kein Islamist. Der Jude ist nicht Israel. Und Israel ist nicht mit seiner jeweiligen Regierung identisch.
Dass solche Selbstverständlichkeiten eigens ausgesprochen werden müssen, sagt über den Zustand der Debatte vermutlich mehr als hundert Resolutionen.
Solidarität ohne Vaterland
Die Kritik am antiimperialistischen Lager wäre billig, wenn sie immer nur die andere Seite träfe. Auch eine israelsolidarische Linke verliert ihren emanzipatorischen Anspruch, wenn Solidarität zum Dogma wird, Kritik an israelischer Regierungspolitik tabuisiert oder palästinensisches Leid zur lästigen Randnotiz erklärt wird. Wer jüdische Selbstbestimmung verteidigt, muss sich weder mit einer konkreten Regierung identifizieren noch den Nationalstaat zum politischen Ideal erklären.
Aus notwendiger Islamismuskritik folgt ebenso wenig ein Freibrief für den deutschen Staat oder die politische Rechte. Die Rede vom „importierten Antisemitismus“ ist bequem, weil Deutschland damit Antisemitismus bevorzugt bei anderen verorten kann. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, islamistischen Antisemitismus aus Sorge vor rassistischer Vereinnahmung zu verschweigen. Beides existiert, und beide Phänomene können sich politisch sogar gegenseitig nützen.
Antisemitismus verliert seinen antisemitischen Gehalt nicht, wenn er sich antikolonial nennt. Rassismus bleibt Rassismus, auch wenn er als Schutz jüdischen Lebens auftritt. Islamismus wird nicht emanzipatorisch, weil seine Anhänger selbst Rassismus erleben. Und israelische Staatsgewalt wird nicht automatisch vernünftig, nur weil Israel von antisemitischen Feinden bedroht wird.
Universalismus zeigt sich dort, wo für die eigenen Freunde dieselben Maßstäbe gelten wie für die Gegner.
Der 7. Oktober hat daher weniger eine neue Spaltung erzeugt als eine alte offengelegt. Auf der einen Seite steht eine Politik, die Menschen nach Lagern ordnet und aus ihrer Stellung im globalen Machtgefüge moralische Eigenschaften ableitet. Auf der anderen steht eine Politik, die daran festhält, dass Unterdrückte keine Heiligen und Mächtige keine metaphysischen Dämonen sind.
Eine solche Linke kann solidarisch mit Israel sein, ohne Israel zu romantisieren. Sie kann palästinensisches Leid ernst nehmen, ohne Hamas zur Befreiungsbewegung umzudeuten. Sie kann islamistischen Antisemitismus benennen, ohne Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Und sie kann die deutsche Staatsräson kritisieren, ohne die Feinde Israels zu Ersatzsubjekten der Weltrevolution zu erklären.
Das bietet weniger Gewissheit als der Glaube, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Doch Geschichte kennt keine solche Seite. Sie kennt Menschen, die handeln und Verantwortung für ihr Handeln tragen.
Vielleicht wäre das für eine postutopische Linke bereits genug: keine Erlösungsgewissheit, kein revolutionäres Volk und keine Nation, die stellvertretend das Gute verkörpert. Dafür die Weigerung, Menschen einem vermeintlich höheren Zweck zu opfern.
Denn eine Befreiung, die den Einzelnen zunächst einem Kollektiv unterwirft, um ihn anschließend in dessen Namen zu befreien, hat ihr Versprechen bereits gebrochen.







