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DIE KOLUMNE: Wem gehört der Algorithmus?

Diese Kolumne ist eine Replik auf die kultur- und techikkritische Kolumne von Nicola Bremer mit dem Titel „Die Glühwürmchen sind noch nicht tot“, die wir hier am 4. September veröffentlich haben (die red.). 

Nicola Bremers „Die Glühwürmchen sind noch nicht tot“ beschreibt eine Gegenwart, in der Bildschirme, Algorithmen und Künstliche Intelligenz immer tiefer in Wahrnehmung, Sprache und Denken eingreifen. Der Mensch, so die Diagnose, gibt nicht nur Daten preis, sondern zunehmend auch Aufmerksamkeit, Urteilskraft und die Mühe des eigenen Denkens. Herrschaft erscheint dabei nicht mehr als Verbot oder Zwang, sondern als Komfort. Niemand zwingt uns, das Smartphone in die Hand zu nehmen. Wir tun es selbst.

Das ist eine starke Beobachtung. Sie trifft etwas Wesentliches an der digitalen Gegenwart: Kontrolle funktioniert heute oft gerade deshalb so gut, weil sie sich nicht wie Kontrolle anfühlt. Die App, die unseren Weg berechnet, sammelt gleichzeitig Bewegungsdaten. Die Plattform, die Kommunikation erleichtert, ordnet Sichtbarkeit nach Kriterien, die der Nutzer nicht bestimmt. Die KI, die einen Text formuliert, spart Zeit und macht zugleich die Frage plausibel, weshalb man überhaupt noch selbst formulieren sollte.

Nur liegt hier auch die Schwäche einer Technikkritik, die zu lange beim Algorithmus stehen bleibt. Denn der Algorithmus ist kein gesellschaftliches Subjekt. Er besitzt keine Firma, beschäftigt keine Arbeiter und streicht keinen Gewinn ein. Er verfolgt keine Interessen. Diese Interessen haben andere.

Die Maschine ist nicht der Eigentümer

Bremer beschreibt Lieferfahrer, deren Arbeit durch Apps organisiert und bewertet wird. Das Bild ist treffend: Die scheinbar körperlose digitale Ökonomie beruht auf sehr körperlicher Arbeit. Einer tippt auf einen Bildschirm, ein anderer fährt im Regen durch die Stadt.

Aber es ist nicht der Algorithmus, der den Fahrer ausbeutet. Der Algorithmus ist das Instrument, mit dem ein Unternehmen Arbeit verteilt, kontrolliert und beschleunigt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was die Technik kann, sondern wer über sie verfügt.

Das mag banal klingen. Politisch ist es entscheidend.

Denn wer „den Algorithmus“ zum Gegner erklärt, macht aus einem gesellschaftlichen Verhältnis leicht ein technisches Schicksal. Plötzlich herrscht die Maschine, während Eigentümer, Konzernstrukturen und ökonomische Interessen im Hintergrund verschwinden. Was Menschen unter bestimmten Bedingungen eingerichtet haben, erscheint dann wie eine anonyme Naturgewalt.

Dabei ist die Geschichte kapitalistischer Kontrolle viel älter als das Smartphone. Arbeitszeit wurde vermessen, Produktivität gesteigert und menschliche Tätigkeit in einzelne Abläufe zerlegt, lange bevor irgendeine App daraus ein Dashboard machte. Neu ist die Genauigkeit, Geschwindigkeit und Reichweite dieser Kontrolle. Nicht neu ist ihr Zweck.

Technik kann Arbeit erleichtern. Sie kann notwendige Tätigkeiten verkürzen, monotone Aufgaben übernehmen und Wissen zugänglich machen. Unter anderen Bedingungen kann dieselbe Technik die Arbeitsleistung verdichten, Beschäftigte überwachen und Kosten senken.

Die Maschine entscheidet darüber nicht.

Entschieden wird gesellschaftlich.

Deshalb führt auch die Frage nach Künstlicher Intelligenz in die falsche Richtung, wenn sie nur lautet, was „der Mensch“ künftig noch selbst tun soll. Schreiben beispielsweise ist tatsächlich mehr als die Produktion eines sprachlich korrekten Ergebnisses. Im Formulieren entsteht Denken. Wer jede Schwierigkeit delegiert, kann sich eines Prozesses berauben, in dem Gedanken überhaupt erst Gestalt gewinnen.

Aber auch hier sollte man die Bedingungen nicht vergessen. Wer nach einem langen Arbeitstag eine belanglose dienstliche E-Mail von einer KI formulieren lässt, hat deshalb noch nicht seine Menschlichkeit aufgegeben. Vielleicht spart er schlicht Zeit, die ihm vorher genommen wurde.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Automatisierung an sich entfremdet, sondern wem der Gewinn an Zeit und Produktivität zugute kommt.

Wenn technische Effizienz dazu führt, dass Menschen weniger notwendige Arbeit leisten müssen, wäre sie ein Fortschritt. Wenn dieselbe Effizienz nur bedeutet, dass in derselben Zeit mehr produziert werden soll, wird aus der versprochenen Entlastung eine neue Form des Drucks.

Das Problem ist nicht, dass Maschinen Arbeit abnehmen.

Das Problem beginnt dort, wo andere darüber entscheiden, was mit der gewonnenen Freiheit geschieht.

Das analoge Leben war kein Paradies

Bremers Gegenbilder zur digitalen Welt sind Körper, Nähe, Stille, Schönheit, Dichtung und unmittelbare menschliche Begegnung. Darin steckt eine verständliche Sehnsucht: nach Erfahrungen, die sich nicht messen, optimieren oder monetarisieren lassen.

Nur sollte man daraus keinen verlorenen Naturzustand machen.

Die Welt vor dem Smartphone war nicht automatisch menschlicher. Auch dort gab es entfremdete Arbeit, Propaganda, Werbung, soziale Kontrolle und standardisierte Sprache. Körper wurden diszipliniert, Menschen nach ihrer Arbeitskraft bewertet und Beziehungen von ökonomischen Zwängen geprägt, lange bevor soziale Medien existierten.

Der analoge Mensch war nicht frei, nur weil sein Chef keinen Algorithmus benutzte.

Auch Gemeinschaft ist nicht von selbst emanzipatorisch. Familien können Fürsorge bedeuten, aber ebenso Gewalt und Abhängigkeit. Dörfer schaffen Nähe, aber auch Kontrolle. Traditionen stiften Zusammenhalt und konservieren gleichzeitig Hierarchien.

Dass etwas nicht digital ist, macht es noch nicht gut.

Ähnliches gilt für die Kunst. Wenn Bremer beklagt, Schönheit werde zum Design und Kreativität zum standardisierten Produkt, beschreibt er einen realen Vorgang. Der Markt kann selbst Opposition in Stil verwandeln und beinahe jede ästhetische Geste verwerten.

Doch Kunst war nie vollständig außerhalb materieller Bedingungen angesiedelt. Künstler brauchten Auftraggeber, Märkte, Institutionen oder Einkommen. Interessant ist gerade, dass Kunst trotz dieser Bedingungen mehr hervorbringen kann als das, was sich unmittelbar verkaufen lässt.

Deshalb wäre es zu einfach, KI als Gegenpol zum „echten“ schöpferischen Menschen zu behandeln. Die Technik offenbart vielmehr, wie viel menschliche Sprache schon vorher aus Konventionen, Routinen und Wiederholungen bestand. Wenn eine Maschine problemlos die typische Pressemitteilung, den Managementtext oder die unverbindliche politische Floskel erzeugen kann, sagt das nicht nur etwas über die Maschine.

Es sagt auch etwas über die Texte, die Menschen bislang produziert haben.

Vielleicht besteht die eigentliche Zumutung der KI darin, dass sie zeigt, wie maschinenförmig ein Teil unserer Kommunikation längst geworden ist.

Nicht abschalten, sondern verfügen

Besonders überzeugend ist Bremers Beobachtung, dass Wissen allein keine Veränderung garantiert. Moderne Gesellschaften müssen Leid nicht verstecken. Bilder von Krieg, Ausbeutung und Katastrophen sind überall verfügbar. Trotzdem kann das Leben weitergehen, als hätte man nichts gesehen.

Menschen wissen, unter welchen Bedingungen manche Waren produziert werden, und kaufen sie dennoch. Sie kennen die Geschäftsmodelle großer Plattformen und benutzen sie weiter. Sie kritisieren digitale Abhängigkeit und greifen wenige Minuten später erneut zum Telefon.

Daraus lässt sich leicht eine moralische Diagnose machen: Wir seien bequem, widersprüchlich oder feige.

Doch auch hier lohnt sich die materialistische Nachfrage.

Der einzelne Nutzer kontrolliert keine globale Lieferkette. Er bestimmt nicht, wem eine Plattform gehört. Der einzelne Arbeitnehmer kann sich einer digitalen Arbeitsumgebung nicht immer entziehen, nur weil er sie kritisch durchschaut.

Erkenntnis beseitigt Abhängigkeit nicht.

Deshalb ist auch das schlechte Gewissen politisch so bequem. Der Einzelne soll sich für seinen Konsum verantwortlich fühlen, während die Bedingungen dieses Konsums unangetastet bleiben. Man soll bewusster kaufen, achtsamer scrollen und gelegentlich „digital detoxen“.

Das System verkauft auf Wunsch sogar das passende Offline-Wochenende dazu.

Individuelle Verweigerung kann sinnvoll sein. Wer das Telefon weglegt, gewinnt vielleicht Aufmerksamkeit zurück. Wer einen Text selbst schreibt, trainiert sein Denken. Wer nicht jede freie Minute einer Plattform überlässt, schafft Raum für anderes.

Aber daraus entsteht noch keine gesellschaftliche Alternative.

Man kann sein Smartphone ausschalten. Die Eigentumsverhältnisse bleiben eingeschaltet.

Genau deshalb müsste die Kritik einen Schritt weitergehen als die Forderung nach Rückkehr zum unmittelbaren Leben. Entscheidend ist nicht, ob Technik verschwindet, sondern wer über sie verfügt und nach welchen Zwecken sie eingesetzt wird.

Wer besitzt die Plattformen, auf denen öffentliche Kommunikation stattfindet? Wer entscheidet, welche Daten gesammelt werden? Wer bestimmt über Automatisierung am Arbeitsplatz? Wem gehören die Produktivitätsgewinne? Wer trägt die sozialen Folgen?

Solche Fragen sind weniger poetisch als die Suche nach den letzten Glühwürmchen. Dafür führen sie näher an das Problem.

Der Algorithmus ist kein Dämon, der über die Menschheit gekommen ist. Er ist ein Werkzeug innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse. Diese Verhältnisse können seine Möglichkeiten zur Kontrolle, zur Rationalisierung und zur Verwertung nutzen. Sie könnten dieselben technischen Möglichkeiten aber ebenso dafür einsetzen, notwendige Arbeit zu verkürzen und menschliche Freiheit zu vergrößern.

Technik ist deshalb weder Erlösung noch Untergang.

Sie ist eine Machtfrage.

Bremers Glühwürmchen müssen also nicht sterben. Aber man wird sie auch nicht retten, indem man nur den Bildschirm ausschaltet und sich nach einer authentischeren Vergangenheit sehnt.

Die wichtigere Frage lautet nicht, ob wir wieder Menschen statt Nutzer werden.

Sie lautet, ob Menschen über die Bedingungen ihres eigenen Lebens verfügen können.

Der Algorithmus herrscht nicht.

Umso genauer sollte man hinsehen, wer es tut.

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